"Wer selbständig ist, arbeitet selbst und ständig." Sara Weber hasst diesen Spruch. Er klingt nach Fleiß und ist in Wahrheit die direkte Straße ins Burnout.
Sara weiß, wovon sie spricht. Die Publizistin hat bis 2021 die Redaktion von LinkedIn News für DACH und Benelux geleitet, dann kündigte sie und schrieb auf, was viele nur fühlten: Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? erschien 2023 bei Kiepenheuer & Witsch und wurde ein Bestseller. Auf der Freelance Unlocked 2026 eröffnete sie die Konferenz mit einer unbequemen Beobachtung: Dreieinhalb Jahre später ist das Gefühl aus dem Buchtitel nicht weg. Es ist schlimmer geworden.
Die Nachrichten zu, der Rechner auf
Inflation, schwacher Arbeitsmarkt, Kriege, Rechtsruck, Klimakrise. "Am Ende denkt man sich: Kann ich auch gleich wieder ins Bett gehen", sagt Sara. Und spätestens am Montagmorgen prallt die Weltlage auf den ganz normalen Alltag: Deadlines, Sorgearbeit, Haushalt, Geldsorgen.
Die Zahlen geben dem Gefühl recht. Laut der TK-Stressstudie fühlen sich knapp zwei von drei Menschen in Deutschland mindestens manchmal gestresst, mehr als ein Viertel sogar häufig. Bei Selbständigen kommt die Wirtschaftslage obendrauf, denn wenn die Konjunktur stottert, spüren Freelancer das zuerst. Aus dem Freelancer-Kompass zitiert Sara auf der Bühne: Vier von zehn Freelancern empfinden ihr Stresslevel als hoch bis sehr hoch, 43 % haben eine unsichere Einkommens- und Auftragslage. Und im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat sie nachgelesen, dass Selbständige ein höheres Armutsrisiko tragen.
Dazu die Politik: 90 % der Befragten im Selbstständigen-Report fühlen sich von ihr wenig bis gar nicht respektiert, so Sara. Sie selbst erlebt das gerade sehr konkret. Ihr Baby ist wenige Monate alt, Mutterschutz für Selbständige existiert nicht, und Künstlersozialkasse und Elterngeldstelle schicken ihr Regeln, die sich gegenseitig ausschließen. "Eine wahnsinnig schöne Rechnerei", sagt sie trocken.
Das ist der Ausgangspunkt ihres Vortrags, und er ist bewusst kein Motivationsposter: Die Zeiten sind hart, und so zu tun, als wäre alles fein, hilft niemandem. Einbuddeln aber auch nicht. Die Frage ist, wie man diese Lage aktiv gestaltet, statt sie nur auszuhalten.
KI: Skepsis ist erlaubt, ein eigener Maßstab hilft
Fast die Hälfte der Freelancer glaubt laut Freelancer-Kompass, dass KI die eigene Arbeit stark verändern wird. Sara nimmt die Angst dahinter ernst: wegfallende Berufsbilder von Synchronsprechern bis Ghostwritern, verschwindende Einstiegsjobs, Preisdruck nach dem Motto "mach's für 20 % weniger, sonst macht's die KI". Man müsse sich nicht schämen, wenn man dieser Technologie skeptisch gegenübersteht, sagt sie. Nicht alles verlangt Euphorie.
Ihr Gegengewicht ist ein einfacher persönlicher Maßstab, den sie im Q&A auf eine Publikumsfrage hin erklärt: Ist das eine Aufgabe, für die ich früher jemanden bezahlt hätte, der diesen Auftrag jetzt verliert? Oder eine, die ich sowieso selbst gemacht hätte, nur langsamer? Ihre Interviews hat sie früher drei Stunden lang selbst abgetippt, heute transkribiert die KI. Bezahlt hat sie dafür nie jemanden, gewonnen hat sie drei Stunden. Ihr Lektorat dagegen bleibt ein Mensch, weil sie da den Unterschied spürt.
Der größte Hebel für Freelancer liegt für sie ohnehin woanders: Wir kontrollieren unsere eigenen Prozesse. Angestellte bekommen ein Tool vorgesetzt, ob es passt oder nicht. Freelancer können sich ihren eigenen Werkzeugkasten zusammenstellen, ausprobieren, wieder verwerfen, und die Produktivitätsgewinne landen im eigenen Kalender statt in der Bilanz von jemand anderem. Es müssen auch nicht die großen Modelle sein, oft bringen kleine, spezifische Tools am meisten. Wer sich dafür Anregungen holen will: In der Freelancer Toolbox haben wir Tools gesammelt, die sich im Freelance-Alltag bewährt haben. Und wenn das Ergebnis eine Vier-Tage-Woche ist, sagt Sara, darf man den fünften Tag guten Gewissens freinehmen.
Banden bilden statt Einzelkampf
Der praktischste Teil des Vortrags dreht sich um andere Menschen. Sara hat ein kleines "Berufspanel" aus befreundeten Freiberuflern. Einmal im Jahr setzen sie sich zusammen und machen füreinander das, was Angestellte im Jahresgespräch bekommen: Wo willst du hin? Was ist dein Plan? Wer tritt wem wann in den Hintern? Übers Jahr checken sie die Ziele gegenseitig ab, und zwar nicht nur die Umsatzziele.
Aus solchen Banden wächst mehr als Seelenhygiene. Man kann Auftraggebern Gesamtpakete anbieten: eine Person Text, eine Entwicklung, gemeinsam buchbar. Man kann sich Urlaubsvertretungen organisieren, damit frei auch wirklich frei ist. Und man kann Marktmacht aufbauen. Wenn sich herumspricht, welcher Auftraggeber schlecht zahlt oder Rechnungen monatelang liegen lässt, bekommt der irgendwann keine Leute mehr. Im Q&A verweist Sara auf die Synchronsprecher, die sich gegen Netflix organisieren, und auf den US-Autorenstreik von 2023, der mit einem Tarifvertrag endete, in dem der Einsatz von KI geregelt ist. Solche Zusammenschlüsse, glaubt sie, werden wir noch viel öfter brauchen.
Voraussetzung für all das ist Ehrlichkeit. Nicht die Fuckup-Night-Variante, in der Erfolgreiche von alten Fehlern erzählen, nachdem längst alles gut ausging. Sondern die unbequeme: zugeben, dass es gerade nicht läuft, während es nicht läuft. Sara macht das inzwischen offensiv und schreibt ihrer Redakteurin auch mal, dass eine Idee nach einer schlaflosen Nacht entstanden ist und entsprechend geprüft werden darf. Auch das gehört dazu: Eine Freundin von ihr hat die Selbständigkeit nach zwei Jahren beendet und ist glücklich zurück in der Festanstellung. Für Sara völlig okay. Selbständigkeit ist ein Lebensabschnitt, keine Identität, und der Weg zurück ist keine Niederlage.
Selbst und ständig? Bitte nicht
Zurück zum Spruch vom Anfang, denn er ist der Kern des Problems:
"Niemand sollte ständig arbeiten, und niemand kann selbst alles wuppen." (Sara Weber)
Wer ständig arbeitet, arbeitet sich krank. Pausen, echter Urlaub, Auskurieren im Krankheitsfall: Als Freelancer kostet das unmittelbar Geld, und genau deshalb braucht es Strukturen, die das trotzdem möglich machen. Die Bande hilft auch hier. Jemand übernimmt die Vertretung. Jemand ruft an und fragt, ob der Laptop schon wieder mit im Bett liegt. Wer sich nie regeneriert, hat irgendwann auch keine guten Ideen mehr, und das ist am Ende teurer als jede Auszeit.
Dazu gehört für Sara, Wirksamkeit nicht nur im Job zu suchen. Selbstwirksamkeit ist ein Hauptgrund, überhaupt selbständig zu sein, aber wer sein ganzes Selbstwertgefühl an Aufträge hängt, wird verwundbar. Familie, Ehrenamt, ein Hobby, das man gerne und ruhig auch schlecht macht, ohne es nebenbei zu vermarkten: Irgendetwas im Leben sollte daran erinnern, wofür man das alles eigentlich tut. Gegen die Isolation, die im Freelancer-Kompass 15 % als Problem nennen, hat sie einen simplen Tipp: Coworking mit Freunden, notfalls am Küchentisch. Die müssen nicht mal selbständig sein. Warum solche mentalen Muster über Erfolg entscheiden, haben wir auch in der Psychologie erfolgreicher Freelancer aufgeschrieben.
Was am Ende bleibt
Den stärksten Gedanken hebt sich Sara für den Schluss auf. Es geht in diesem ganzen Umbruch nicht darum, wer das beste KI-Tool hat.
"Am Ende bleibt nicht irgendeine App, am Ende bleibt nicht irgendein Tool. Am Ende bleibt das, was in diesem Raum ist: das Menschliche." (Sara Weber)
Kreativität, Kooperation, Fürsorge, die Fähigkeit, selbst zu denken, bevor man eine Maschine denken lässt. Das ist es, was Kunden in Erinnerung behalten, wenn ein Projekt vorbei ist: das Gefühl, mit jemandem etwas richtig Gutes gebaut zu haben. Wer das pflegt, hat etwas, das jede Krise und jeden Modellwechsel übersteht.
Die Welt geht also weiter unter, ein bisschen jedenfalls, und gearbeitet wird trotzdem. Aber wie, das liegt mehr in deiner Hand, als der Nachrichtenüberblick am Morgen vermuten lässt. Wenn du dabei sichtbarer werden willst: Leg dir ein kostenloses Profil auf 9am an und werde für Unternehmen findbar, die genau deine Skills suchen.
Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel basiert auf der Session von Sara Weber bei Freelance Unlocked 2026. Den ganzen Vortrag findest du oben im Video: freelanceunlocked.com.