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Back Erstes Jahr als Freelancer überstehen: Lektionen von einer, die es gerade geschafft hat

Erstes Jahr als Freelancer überstehen: Lektionen von einer, die es gerade geschafft hat

Finanzpolster, erste Kunden, Durchhalten: der Überlebensguide für die härtesten zwölf Monate im Freelancing.

Blago Yanakiev
Blago Yanakiev

Jun 05, 2025

Einstieg ins Freelancing Finanzen Kundenakquise Mindset

Job gekündigt, Selbstständigkeit angemeldet, und jetzt sollen die Kunden kommen. Drei Monate später endet dein erstes Projekt, nichts Neues ist in Sicht, und du liegst nachts wach und fragst dich, ob das der größte Fehler deiner Karriere war. Genau dieser Moment bringt die meisten Freelancer im ersten Jahr zum Aufgeben. Nicht der Papierkram, nicht die Preisfrage. Judith Böhlert hat ihn wie nach Fahrplan erwischt. Sie ist durchgekommen, und bei Freelance Unlocked 2025 hat sie erzählt, wie.

Judith Böhlert ist Frontend-Entwicklerin in Berlin, baut mit React und TypeScript und führt ihre eigene Ein-Frau-Beratung für Softwareentwicklung. Nach über zehn Jahren im Software-Beruf hat sie sich in einem der härtesten Tech-Arbeitsmärkte der letzten Jahre selbstständig gemacht und die Ein-Jahres-Marke geknackt. Ihr Vortrag ist ein Erfahrungsbericht, kein Motivationsposter. Das hier bleibt hängen.

Kenn dein Warum: Freelancing ist kein Plan B

Böhlert beobachtet in letzter Zeit ein Muster: Leute rutschen ins Freelancing, weil sie keine Festanstellung finden. Wohin das führt, sagt sie ziemlich direkt.

„Das Gras auf der anderen Seite ist nicht immer grüner. Und wenn du gerade keine Festanstellung findest, stehen die Kunden bei dir vermutlich auch nicht wie von Zauberhand vor der Tür.“

Zitate aus dem Englischen übersetzt.

Die Zahlen geben ihr recht. Der KfW-Gründungsmonitor 2025 zählt 585.000 Gründungen im Jahr 2024, und nach der langjährigen KfW-Faustregel gibt rund ein Drittel innerhalb der ersten drei Geschäftsjahre wieder auf. Die meisten hören aus persönlichen Gründen auf: Stress, familiäre Belastung, zu wenig Einkommen für zu viel Aufwand. Insolvenz ist die Ausnahme. Selten scheitert zuerst das Geschäft. Meist scheitert zuerst der Mensch.

Deshalb besteht Böhlert darauf, dass du deine Motivation prüfst, bevor du irgendetwas anmeldest. Ihre war Freiheit: Sie erzählt vom Arbeiten auf einem Balkon auf einer abgelegenen Atlantikinsel, „ohne Chef, ohne OKR-Reviews, ohne Mitarbeitergespräche, ohne Meetings zur Unternehmensvision“. Als Rezept für alle verkauft sie das aber bewusst nicht:

„Freelancing ist nicht einfach eine andere Art, bezahlt zu werden. Es ist eine komplett andere Art zu arbeiten.“

Ihre Übung: Schreib deine bisherigen Jobs auf, markiere, was du daran geliebt und gehasst hast, und prüfe ehrlich, was davon Freelancing wirklich ändert und was es sogar verschärft. Geld allein trägt als einziges Motiv nicht weit, warnt sie. Ein klares Warum trägt dich durch die Phasen, die in ihren Worten „früher oder später“ garantiert hart werden.

Rechne nach, bevor du dich anmeldest

Böhlerts Finanzplanung ist unspektakulär und wirksam: Was gibst du aus, was kannst du realistisch verdienen, und lässt sich die Lücke überleben?

Auf der Ausgabenseite lauert eine Falle für alle, die aus einer deutschen Festanstellung kommen: Alles, was dein Arbeitgeber bisher still mitbezahlt hat, zahlst du jetzt allein. Also die vollen Beiträge zur Krankenversicherung und, je nach Beruf, zur Rentenversicherung. Die Details hat Böhlert auf der Bühne ausgespart („das Thema Sozialversicherung für Freelancer in Deutschland würde den Rahmen sprengen und diesen Vortrag außerdem in eine kleine Wutrede verwandeln“), aber in der Sache ist sie eindeutig: Für beides brauchst du einen Plan, bevor Tag eins beginnt.

Bei den Einnahmen hält sie nichts von den Kosten-plus-Formeln, die im Netz kursieren:

„Deine Kunden interessiert nicht, ob du ein Baby erwartest, wie hoch deine Miete ist oder ob du gern gut essen gehst. Sie interessiert nur, wie viel Wert du lieferst und ob sie dieselbe Qualität woanders günstiger bekommen.“

Deinen Stundensatz bestimmt der Markt, nicht deine Miete. Zur Orientierung: Der freelancermap Freelancer-Kompass 2025, die größte Freelancer-Umfrage im DACH-Raum, nennt einen durchschnittlichen Stundensatz von 104 €, nach 102 € im Vorjahr. Durchschnitte verdecken allerdings riesige Unterschiede je nach Nische und Erfahrung. Böhlert fragt deshalb schlicht Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Level, was sie nehmen. Die Community sei dabei erstaunlich offen. Ihre Faustregel zum Kalibrieren gehört über den Schreibtisch:

„Es ist völlig okay, wenn Kunden kurz zusammenzucken, wenn du deinen Satz nennst. [...] Aber wenn alle deinen Preis einfach so akzeptieren, ohne auch nur zu verhandeln, verlangst du wahrscheinlich zu wenig.“

Dann rechne ehrlich hoch. Du wirst keine 40 Stunden pro Woche abrechnen, zwölf Monate im Jahr: Krankheitstage, Urlaub, Buchhaltung, Rechnungen, Akquise und Leerlauf zwischen Projekten bezahlt dir niemand. Liegen die geplanten Kosten über den geplanten Einnahmen, repariere den Plan vor dem Start. Und prüfe deine Rücklagen: Wie viele Monate kommst du ohne einen Cent Einnahmen über die Runden? Eine magische Zahl gibt es nicht, aber die Antwort bestimmt alles Weitere.

Ein Polster, das viele übersehen: Wer ALG I bezieht und noch mindestens 150 Tage Restanspruch hat, kann bei der Agentur für Arbeit den Gründungszuschuss beantragen. Sechs Monate lang dein Arbeitslosengeld plus 300 € monatlich für die Sozialversicherung, verlängerbar um weitere neun Monate mit 300 € monatlich. Er ist eine Ermessensleistung, kann aber den Unterschied machen zwischen Rücklage und gar keiner.

Leg dich nicht mit dem Finanzamt an

Den größten Lacher des Vortrags holte eine Folie übers Finanzamt, und dahinter steckt ihr meistwiederholter Rat:

„Was auch immer du tust, bitte, bitte, mit Kirsche obendrauf: Leg dich nicht mit dem Finanzamt an.“

Ihr System ist fast beleidigend simpel. Nach der Anmeldung schickt dir das Finanzamt einen Brief, in dem genau steht, welche Steuern es wann von dir erwartet: Einkommensteuer für alle, dazu je nach Konstellation Umsatzsteuer. Trag jede Frist als Serientermin in den Kalender ein. Gib pünktlich ab. Fertig.

Und wenn du nicht weiterweißt: Ruf an. Böhlert hat einmal ziemlich verzweifelt bei ihrem Finanzamt angerufen, weil die Umsatzsteuer-Voranmeldung fällig war und sie keine Ahnung hatte, was zu tun ist. Ein Sachbearbeiter mit breitem Berliner Dialekt bat sie, sich erst mal zu beruhigen, und ging dann alles Schritt für Schritt mit ihr durch. In der gefürchteten Behörde sitzen Menschen, „und manche davon sind sogar halbwegs freundlich“.

Stell dich außerdem auf widersprüchliche Ratschläge von allen Seiten ein: sofort eine GmbH gründen versus bloß keine GmbH; jedes Projekt annehmen versus radikal auf eine Nische setzen. Zuhören, sagt sie, und dann selbst entscheiden.

Verhandle mit dir selbst eine Mindestlaufzeit

Die meisten Ratgeber fürs erste Jahr lassen diesen Teil weg: Der psychologische Einbruch kommt planbar. Bei Böhlert kam er um Monat drei, als ihr erstes Projekt endete und kein neues nachrückte.

„In dem Moment ging es nicht nur um fehlende bezahlte Arbeit. Es hat richtig an meinem Selbstwertgefühl genagt, und das Impostor-Syndrom hat mich hart erwischt. Ich habe mich gefragt, ob ich für dieses Leben überhaupt gemacht bin.“

Gerettet hat sie kein neuer Kunde, sondern ein Deal, den sie vor dem Start mit sich selbst geschlossen hatte: ein volles Jahr Freelancing, Aufgeben verboten, egal was passiert. Als die Versuchung hinzuschmeißen am größten war, lief der Vertrag noch. Also machte sie weiter, und die Aufträge kamen zurück.

Der Mechanismus ist der Punkt. Eine feste Mindestlaufzeit macht aus einer emotionalen Entscheidung („das funktioniert nicht, ich bin eine Hochstaplerin“) eine Kalenderentscheidung („Bilanz ziehe ich in Monat zwölf, nicht in Monat drei“). Wähl die Länge passend zu deinen Rücklagen. Da die meisten, die in Deutschland aufgeben, unter persönlicher Belastung aussteigen und nicht wegen wirtschaftlichem Kollaps, schützt dich diese Abmachung mit dir selbst womöglich besser als alles andere auf dieser Liste.

Für die Rollen, die du plötzlich allein ausfüllst („auf einmal war ich auch Marketing-Praktikantin, Social-Media-Managerin, CFO, Vertriebschefin und mein eigener Chief of Staff“), empfiehlt sie einen imaginären Beirat: echte Mentoren, wo du sie hast, bewunderte Fremde, wo nicht. Bevor du eine passiv-aggressive Mail wegen einer überfälligen Rechnung abschickst: „Frag dich einfach: Was würde Oprah tun?“

Dein Netzwerk ist deine Pipeline

Kundenakquise ist für Böhlert „die wichtigste und schwierigste Aufgabe für alle Freelancer“. Plattformen, Recruiter und Kaltakquise funktionieren alle, aber am Ende läuft alles über zwei Dinge.

Erstens: ein Online-Profil, das sofort zeigt, was du machst. Bei ihr ist das LinkedIn, und das Nachschärfen hatte einen messbaren Effekt: mehr Anfragen und deutlich passendere, „weil auf meinem Profil sofort klar ist, dass ich Freelancerin bin und wobei genau ich Kunden helfen kann“.

Zweitens, und stärker: das Netzwerk, das du längst hast. Ehemalige Kollegen, Leute aus Nebenprojekten, Open-Source-Communities, sogar Dozenten, wenn du frisch aus der Ausbildung kommst:

„Du brauchst Menschen, die für die Qualität deiner Arbeit einstehen. Menschen, die für dich bürgen. Menschen, die deinen Namen in einem Raum voller Chancen fallen lassen.“

Ihren ersten Kunden fand sie genau so. Sie verkündete ihren Start, ein ehemaliger Kollege stellte den Kontakt zu einem Bekannten her, der einen freiberuflichen Entwickler suchte, und das schon vorhandene Vertrauen machte den Rest. „Diese warmen Intros, bei denen jemand, den du kennst, dich jemandem vorstellt, den er kennt, sind pures Gold.“ Als die erste Rechnung bezahlt war, kämpfte sie fast mit den Tränen: der Beweis, dass das Ding, das sie da aufbaute, wirklich funktioniert.

Auf lange Sicht zählt Community. Ihre größte Angst vor dem Sprung war Einsamkeit. Passiert ist das Gegenteil: „Ich habe mich nie weniger einsam und mehr eingebunden gefühlt als jetzt“, dank Berliner Freelancer-Szene und Freelance-Frühstück am Freitag. Aus einer zufälligen Podcast-Einladung über LinkedIn wurden später eine Live-Coding-Show auf YouTube mit zwei Staffeln und ein großes gemeinsames Kundenprojekt.

Deine Checkliste fürs erste Jahr

  • Schreib dein Warum auf. Ein Absatz. Steht da nur „keinen Job gefunden“ oder nur „Geld“, grab tiefer, bevor du dich anmeldest.
  • Rechne deine kompletten Kosten durch: privat plus geschäftlich, mit jedem Tool und Abo, und mit den vollen Beiträgen zu Krankenversicherung und Rente, die bisher dein Arbeitgeber mitgetragen hat.
  • Finde deinen Marktpreis, indem du Leute aus deiner Nische fragst, nicht über Kostenformeln. Der DACH-Schnitt von 104 € pro Stunde ist reine Orientierung. Achte auf das Zusammenzucken.
  • Plane realistische abrechenbare Stunden: Zieh Urlaub, Krankheit, Verwaltung, Akquise und Lücken zwischen Projekten ab.
  • Prüfe deine Rücklagen. Kommst du aus dem ALG I mit mindestens 150 Tagen Restanspruch, schau dir den Gründungszuschuss an, bevor du dich anmeldest.
  • Trag jede Finanzamt-Frist in den Kalender ein, sobald der Brief nach der Anmeldung kommt. Ruf bei Fragen an: vor der Frist, nicht danach.
  • Setz dir eine Mindestlaufzeit, passend zu deinen Rücklagen, und rechne jetzt schon damit, dass sich Monat drei furchtbar anfühlen wird.
  • Verkünde deinen Start im gesamten Netzwerk und feile an deinem Profil, bis Fremde in zehn Sekunden verstehen, was du anbietest.
  • Schließ dich einer Freelancer-Community an: Meetups, Konferenzen, ein wöchentliches Frühstück. Das ist emotionale Überlebensstrategie und Pipeline in einem.

Böhlerts Schlussbild ist das ehrliche: Freelancing ist eine Achterbahn, mal Flaute, mal alles auf einmal. Aber an den Hochpunkten: „Das habe ich geschafft. Das habe ich mir selbst aufgebaut. Und dieses Gefühl würde ich gegen nichts eintauschen.“

Bereit für dein erstes Projekt, oder erst mal für deine Leute? Leg dir ein kostenloses Profil auf 9am an und werde Teil der DACH-Freelancer-Community, die Böhlert durch ihr erstes Jahr getragen hat.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel basiert auf Judith Böhlerts Session bei Freelance Unlocked 2025. Den ganzen Vortrag siehst du oben im Video, und bei der nächsten Ausgabe bist du hoffentlich dabei: freelanceunlocked.com.

Blago Yanakiev

Co-founder & CPO

Blago ist Produktmensch und SaaS-Gründer. Bei 9am verantwortet er das Produkt, bei der Freelance-Unlocked-Konferenz Events und Growth.

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