Es gibt kein bestes Land für Freelancer in Europa, und wer dir eine Top-10-Liste verkauft, hat nicht nachgerechnet. Mit diesem Disclaimer begann Jessica Ortner ihre Session auf der Freelance Unlocked 2026: Wer mit offener Booking.com-App in den Saal kam, um bis zum Mittag das neue Wunschland zu buchen, ging enttäuscht raus. Stattdessen gab es etwas Brauchbareres, nämlich eine Formel, die du für deinen eigenen Beruf, deine Sätze und dein Leben durchrechnen kannst.
Jessica hat die Daten dazu. Sie arbeitet seit über 20 Jahren im Staffing-Geschäft, den Großteil davon bei Hays, wo sie als Contracting Director für Zentral- und Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika verantwortlich ist. Nebenbei leitet sie die Freelancer-Community ihrer alten Hochschule, der WHU. Ihre Kernbeobachtung aus beiden Rollen: Dein Beruf bleibt derselbe, aber sobald du eine Grenze überquerst, wird Freelancing eine komplett andere Realität.
Der Weihnachtsmann, der erste Cross-Border-Freelancer
Ihr Bild dafür, was "cross-border" wirklich heißt: der Weihnachtsmann. Einen Tag im Jahr reist er um die Welt und liefert seine Leistung an Kunden mit völlig unterschiedlichen Erwartungen, die ihm nicht mal denselben Namen geben. Die restlichen 364 Tage, vermutet Jessica, macht er den Papierkram für das Chaos, das er dabei angerichtet hat.
Die ernste Version: Cross-Border-Freelancer bist du, wenn "Wo lebe ich?", "Wo arbeite ich?" und "Wo zahle ich Steuern?" nicht dasselbe Land ergeben. Nach dieser Definition sind es wenige. Als Jessica im Berliner Publikum fragte, wer mehr als 20 % seines Umsatzes über Grenzen hinweg verdient, gingen nur vereinzelt Hände hoch. Das deckt sich mit der Forschung: Digitale Nomaden sind unter Freelancern nach wie vor eine Minderheit. Ihre Wette: Das ändert sich in den nächsten 5 bis 10 Jahren, weil hybrides Arbeiten die letzten Gründe aushöhlt, auf einem lokalen Contractor zu bestehen, der viermal die Woche ins Büro kommt.
Bis dahin gilt ihre Formel. Bewerte jedes Land nach drei Faktoren, gewichtet nach deinen Prioritäten: Opportunity, Legitimacy und Ease, also Marktchance, Rechtsstatus und Lebbarkeit.
Opportunity: Größe, Sorte und Preis des Kuchens
Die Marktchance zerlegt Jessica in drei Fragen: Wie groß ist der Kuchen, welche Sorte ist es, und was ist er wert?
Größe und Sorte: Die vier größten Contracting-Bereiche in Europa sind Tech, Engineering, Professional Services und Life Science, ihr Gewicht unterscheidet sich aber massiv von Land zu Land. Und eine große Volkswirtschaft heißt nicht automatisch großer Freelance-Markt: Die Größe des Staffing-Markts hängt nicht am BIP. Die Niederlande mit ihrer traditionell flexiblen Arbeitswelt haben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung einen deutlich größeren Staffing-Markt als Deutschland, sagt sie. Diese Reife prägt alles, vom Bild, das Kunden von Freelancern haben, bis zur Frage, wie die Politik sie reguliert oder unterstützt. Recherchiere also deine eigene Nische im Zielland, bis runter auf deine konkrete Rolle, nicht nur "Tech".
Der Preis: Für Tech-Rollen ist der Hays Tech Talent Explorer ein kostenloses Tool, das durchschnittliche Tagessätze und ihre Spannen pro Land vergleicht, inklusive des erwarteten KI-Einflusses je Rolle. Jessicas Zusatz: Schau nicht nur auf die heutige Nachfrage. Wer seinen Schwerpunkt sowieso wechseln will, sollte etwas wählen, das es in 5 oder 15 Jahren noch gibt oder das sogar wächst. Einen breiteren Blick auf die Honorare quer durch Europa findest du in unserer Auswertung der Freelancer-Stundensätze 2026.
Legitimacy: die rechtliche Hand und die steuerliche Hand
Der Rechtsstatus ist der unglamouröse Teil der Formel, und laut Jessica der, den Freelancer am häufigsten unterschätzen. Er hat zwei Hände: die rechtliche (welches Landesrecht gilt für deinen Vertrag, und wo haftest du nach Projektende für deine Arbeit, ein echtes Thema in Engineering und Life Science) und die steuerliche (Einkommensteuer, Umsatzsteuer, Abzugsfähigkeit, und wer deinen Status überhaupt prüfen darf).
Vier Fragen bestimmen deinen Fußabdruck:
- Wo arbeite ich physisch, über einen längeren Zeitraum, nicht in der Workation-Woche?
- Wo sitzt mein Kunde, genauer: Welche Rechtsordnung steht in dem Vertrag, den ich unterschreibe?
- Wo ist mein Unternehmen registriert? Aus Spanien über eine deutsche GmbH zu arbeiten hat Folgen.
- Wo fließt das Geld? Payment-Anbieter sind bequem, aber wenn dein Geld über ein Drittland läuft, kann auch das eine Rolle spielen.
Ihre Faustregel: Wenn die ersten drei Antworten nicht übereinstimmen, geh von Komplexität aus. Und das Kräfteverhältnis zwischen Steuer- und Rechtsbehörden ist von Land zu Land völlig anders. In Großbritannien wacht die Steuerbehörde über den Contractor-Status, per Off-Payroll-Regeln, bekannt als IR35. Bei mittleren und großen Auftraggebern entscheidet dort der Kunde über deinen Steuerstatus, nicht du.
"Sobald du nach Belgien gehst, weiß niemand, was IR35 ist. Es interessiert auch niemanden. Es ist einfach eine völlig andere Gesetzgebung." (Jessica Ortner, übersetzt)
Deutschland hat sein eigenes berühmtes Konstrukt, die Scheinselbstständigkeit, an deren Aussprache Jessica auf der Bühne sichtlich scheiterte. Die Kriterien sind notorisch schwammig. Wenn Deutschland Teil deines Setups ist: Unser kostenloser Scheinselbstständigkeits-Test zeigt dir in wenigen Minuten, wo du stehst. Die Niederlande sind das andere Extrem: Dein Status als zzp-Contractor wird anhand von Kriterien geprüft, die der Staat selbst veröffentlicht, und seit dem 1. Januar 2025 setzt die niederländische Steuerbehörde die DBA-Regeln gegen Scheinselbstständigkeit aktiv durch. Klarer, aber mit Zähnen.
"Optimiere nicht nur auf Flexibilität, optimiere auf Compliance. Je flexibler dein Setup, desto strukturierter muss deine Compliance sein, denn das Risiko reist mit dir." (Jessica Ortner, übersetzt)
Praktisch heißt das: Wähle dein Vertragsmodell bewusst. Ein Direktvertrag behält die volle Marge, aber auch das volle Risiko. Ein Intermediär, eine Agency of Record oder ein Employer of Record kostet für den Compliance-Teil typischerweise etwa 5 bis 10 %, für Jessica der Preis für ruhige Nächte. Bau dir ein kleines Beraternetz auf (Steuerberatung, juristisches Grundwissen) und sei transparent mit deinen Kunden: Die kriegen intern dieselben Compliance-Fragen gestellt und schätzen Contractors, die das Thema proaktiv mitdenken.
Ease: der weiche Faktor, der entscheidet, ob du bleibst
Der dritte Faktor ist der, den Tabellen übersehen. Ease umfasst Kultur, Strukturen, Stabilität und Lebensstil.
Für Kultur verweist Jessica auf Hofstedes sechs Kulturdimensionen und die kostenlosen Ländervergleichs-Tools, die darauf aufbauen, besonders hilfreich vor Projekten im asiatischen Raum. Für strukturelle und wirtschaftliche Fragen empfiehlt sie zu prüfen, wie leicht sich ein Unternehmen registrieren und führen lässt. Das klassische Ease-of-Doing-Business-Ranking der Weltbank, das sie nannte, wurde inzwischen eingestellt; der Nachfolger ist der Business-Ready-Report (B-READY), der Wirtschaftsstandorte vergleicht. Auch Währungsstabilität gehört hierher: Wer in einer schwankenden Währung bezahlt wird, verdient plötzlich anders als geplant.
Ihr warnendes Beispiel ist Dubai. Attraktive Steuern, attraktive Tagessätze und, wie sie auf der Bühne anmerkte, neuerdings flexible Freelancer-Visa. Gleichzeitig, so Jessica, liegt nebenan ein Krieg, und man müsse sich fragen, ob man dort gerade sein will. Das heißt nicht, Dubai zu meiden. Es heißt, Planbarkeit in die Rendite einzupreisen: Wer nur auf den Steuersatz geschaut hat, lernt das gerade neu.
Und ja, Lebensstil zählt mit: Entfernung zur Heimat, Lebenshaltungskosten, ob du bei dem Wetter überhaupt arbeiten magst. Weich, aber es entscheidet, ob du durchhältst.
Und wo stimmt das Klima für Freelancer?
Vom Moderator doch noch um Namen gebeten, gab Jessica ihre persönliche Landkarte preis. Skandinavien, die Niederlande und Belgien haben Freelancing in den Wurzeln, mit reifen Märkten und breiter Akzeptanz. Iberien und Italien wachsen derzeit, während Deutschland stagniert, mit vielen Projekten, aber spürbar niedrigeren Tagessätzen. Wer nur Englisch spricht, hat es in Polen, Tschechien und Rumänien leicht, während Frankreich und Deutschland weiterhin fragen, ob die Kandidatin die Landessprache kann. Alles ihre Einschätzung von der Bühne, keine Rangliste. Deine Formel darf anders gewichten.
Ihr Schluss war kein Länder-Tipp, sondern ein Community-Aufruf: Genau diese Komplexität ist der Grund, warum so wenige Hände hochgingen, und es braucht Freelancer, die sich zusammentun, damit Politik und Steuersysteme grenzüberschreitendes Arbeiten leichter machen. Wenn DACH Teil deines Fußabdrucks bleibt, während du deine Formel durchrechnest: Leg dir ein kostenloses Profil auf 9am an, damit Unternehmen hier dich finden, egal von wo du gerade arbeitest.
Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel basiert auf der Session von Jessica Ortner bei Freelance Unlocked 2026. Den ganzen Vortrag findest du oben im Video: freelanceunlocked.com.