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Kann KI kreativ sein? Was die Forschung 2026 zeigt und was das für kreative Freelancer heißt

KI schlägt in Kreativitätstests den Durchschnittsmenschen. Die besten 10 % schlagen jedes Modell. Rate, welche Hälfte bezahlt wird.

Yurii Lazaruk
Yurii Lazaruk

Sep 02, 2026

KI Zukunft der Arbeit Studie
Kurz gesagt

Eine Studie mit über 100.000 Menschen, im Januar 2026 in Scientific Reports erschienen, zeigt: Große Sprachmodelle schlagen inzwischen den Durchschnittsmenschen in Standardtests zum divergenten Denken. Dieselbe Studie zeigt auch, dass das oberste Zehntel der Menschen jedes getestete Modell schlägt, und die obere Hälfte zusammengenommen ebenso. Gleichzeitig melden zwei Marktplätze steigende Nachfrage nach menschlichem Text, Video und Design. Die Frage ist nicht, ob KI kreativ ist. Die Frage ist, aus welcher Hälfte der Verteilung du verkaufst.

"KI ist kreativer als der Mensch" ist eine bessere Überschrift als das, was die Forschung tatsächlich gefunden hat. Die genaue Fassung ist enger und deutlich brauchbarer, wenn du von Kreativarbeit lebst.

Was die Studie vom Januar 2026 zeigt

Antoine Bellemare-Pepin, Karim Jerbi, Yoshua Bengio und Kolleginnen und Kollegen der Université de Montréal haben GPT-4, GPT-4-turbo, GPT-3.5, Claude 3, Gemini Pro und mehrere offene Modelle gegen 100.000 menschliche Teilnehmende antreten lassen. Das Papier erschien am 21. Januar 2026 in Scientific Reports. Kerntest war die Divergent Association Task: zehn Wörter nennen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben, bewertet über die semantische Distanz. Dazu kamen kreative Schreibaufgaben, Haiku, Filmsynopsen, Kurzprosa.

Der Hauptbefund, in den Worten der Autoren: Modelle können die durchschnittliche menschliche Leistung in der DAT übertreffen und kommen an menschliches kreatives Schreiben heran, bleiben aber unter den Werten des kreativeren Teils der Teilnehmenden.

Der Teil, der es in die Berichterstattung nicht geschafft hat, ist präziser. Die kreativsten Menschen, also das oberste Zehntel, das oberste Viertel und alle über dem Median, erreichen weiterhin höhere DAT-Werte als jedes Modell. Und selbst die besten Modelle werden von der oberen Hälfte der Teilnehmenden zusammengenommen deutlich übertroffen.

Eine ältere und viel kleinere Studie zeigt in dieselbe Richtung, und ihr Alter gehört dazugesagt. Im Februar 2024, ebenfalls in Scientific Reports, stellten Kent Hubert, Kim Awa und Darya Zabelina 151 Menschen gegen 151 GPT-4-Antworten und fanden GPT-4 bei Originalität und semantischer Distanz vorn (84,56 gegenüber 76,95, t(300) = 13,65, p < 0,001). Anderes Design, andere Größenordnung, zwei Jahre älter. Die Zahlen gehören nicht vermischt. Eine Arbeit von 2023 in derselben Zeitschrift kam unter einem früheren Design zur umgekehrten Reihenfolge, was zeigt, wie schnell sich der Boden hier bewegt.

Das Homogenisierungsproblem, aus philosophischer Sicht

Dorothea Winter forscht an der Humanistischen Hochschule Berlin zu KI und Ästhetik. Bei Freelance Unlocked 2026 hat sie das Publikum durch Margaret Bodens drei Stufen der Kreativität aus den 1990ern geführt: kombinatorische Kreativität, also bekannte Elemente neu zusammensetzen, nach ihrer Schätzung rund 60 bis 80 % aller kreativen Leistung; explorative Kreativität, ein bestehendes System bis an seine Grenzen ausloten, rund 20 bis 35 %; und transformationale Kreativität, das System verändern oder neue Regeln setzen, geschätzt 1 bis 5 %.

Dann beschrieb sie eine Studie, in der Menschen fiktive Texte mit und ohne KI-Hilfe geschrieben haben. Wer vorher weniger originell schrieb, erzielte mit KI bessere Ergebnisse. Die Ergebnisse glichen sich aber auch an, wurden untereinander ähnlicher und weniger individuell. Bei denen, die schon vorher auf hohem Niveau lagen, machte KI fast keinen Unterschied.

"Meine These ist, dass KI das kreative Mittelfeld homogenisiert. Wenn alle im Mittelfeld KI nutzen, entstehen ähnlichere Outputs, und das, was die Kreativwirtschaft ausmacht, die Differenzierungskraft, geht verloren. Das halte ich für eine wirklich große Gefahr." (Dorothea Winter)

Das deckt sich exakt mit den Zahlen aus Montréal. Die Modelle heben den Boden und lassen die Decke, wo sie ist.

Ihr zweites Argument betrifft nicht den Markt, sondern dich über Jahre. Sie nannte eine Studie aus der Medizin: Nach längerer Routine mit KI-Unterstützung fanden Endoskopikerinnen und Endoskopiker bei Koloskopien ohne KI weniger Adenome als vorher. In der Quelle nachgesehen: The Lancet Gastroenterology & Hepatology veröffentlichte sie am 12. August 2025. Die Detektionsrate ohne KI fiel von 28,4 % auf 22,4 %, über 1.443 Koloskopien an vier polnischen Zentren, mit 19 Fachleuten, die jeweils mindestens 2.000 Untersuchungen hinter sich hatten. Winters Übertragung: Wer die Stufen eins und zwei lange genug auslagert, verliert langfristig Stufe drei, weil hohe kreative Leistung durch viel kleine kreative Leistung trainiert wird.

Ihr praktischer Test ist eine Frage, die man sich zwei- bis dreimal pro Woche stellen sollte: Verstärkt mich das System hier gerade, oder ist es einfach Bequemlichkeit? Und welche Teile mache ich weiter selbst, obwohl es im Moment nervig, langsamer und ineffizienter ist?

Victoria Ringleb, Geschäftsführerin der Allianz Deutscher Designer, hat die Marktfolge in einem Satz gesagt:

"KI liefert mir Kitsch. Das ist Mittelmaß. Und das, was Kunst eigentlich ausmacht, mich zu triggern, dass ich anfange darüber nachzudenken, das kann KI nicht leisten." (Victoria Ringleb)

Ihre Sorge ist eine visuelle Monokultur, ein "visueller Einheitsbrei". Sie vergleicht es damit, am Vogelhäuschen nur noch graue Spatzen zu sehen. Und sie erzählte von einem TV-Spot, unter dem "erstellt mit generativer KI" stand und daneben ein menschlicher Name für die Idee, was sie als stilles Eingeständnis las, dass der Maschinenteil der schwache Teil war.

Trotzdem kaufen Kunden weiter menschliche Kreativarbeit

Zwei Marktplätze haben 2026 Nachfragedaten veröffentlicht. Beides sind Anbieterdaten über die eigene Plattform, keine Marktzahlen.

Upworks In-Demand Skills 2026, veröffentlicht am 4. Februar 2026 und gestützt auf die Honorare auf dem eigenen Marktplatz im Kalenderjahr 2025, listet zehn besonders gefragte Design- und Kreativleistungen: Grafikdesign, Videoschnitt, Präsentationsdesign, Videoproduktion, Bildbearbeitung, Produkt- und Industriedesign, 3D-Animation, Logodesign, Illustration, Brand Identity Design. Am schnellsten gewachsen: KI-Videoerstellung und -schnitt mit +329 %, KI-Bilderzeugung und -bearbeitung mit +95 %, Logodesign mit +44 %. Der Satz, der für deine Preise zählt: Knapp die Hälfte der befragten Führungskräfte würde einen Aufpreis zahlen, um mit Selbstständigen zu arbeiten, die kreativ und innovativ sind.

Fiverrs Business Trends Index, veröffentlicht am 3. August 2026, misst die Suchnachfrage auf der eigenen Plattform und vergleicht Mai bis Oktober 2025 mit November 2025 bis April 2026. Übersetzung +55 %, Formatierung +71 %, Buchlektorat +28 %, Essay-Texte +17 %. Video und Animation als Kategorie +278 %, YouTube-Thumbnails +52 %. Logodesign +76 %, Brand Identity +26 %. Es sind Suchdaten, sie messen also Kaufabsicht, nicht ausgegebenes Geld, und Fiverr ist kein neutraler Beobachter von Fiverr.

Zusammen mit der Forschung gelesen, widersprechen sich die Befunde nicht. KI übertrifft den Durchschnitt in einem standardisierten Test, und Kunden zahlen weiter Menschen für Arbeit, in der der Durchschnitt nicht reicht.

Urheberrecht: der Mensch bleibt Voraussetzung

Wenn dein Unterschied die menschliche Autorschaft ist, steht die Rechtslage derzeit auf deiner Seite und ist in Bewegung. Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments hat im Dezember 2025 ein Briefing zu KI-generierten Werken veröffentlicht. Das EU-Urheberrecht verlangt eine "eigene geistige Schöpfung" aus "freien kreativen Entscheidungen", mit persönlicher Note. Rein maschinell erzeugte Ergebnisse ohne oder mit sehr geringem menschlichem Anteil sind kaum schutzfähig, und ein KI-System selbst kann kein Urheberrecht halten. Ein tschechisches Stadtgericht entschied 2023, dass das Schreiben eines Prompts allein keine Urheberschaft begründet. Italien hat im Oktober 2025 gesetzlich klargestellt, dass KI-gestützte Werke geschützt bleiben, wenn sie echte geistige Arbeit widerspiegeln.

Offen, nicht entschieden: Ein Initiativbericht des Abgeordneten Axel Voss, der KI-generierte Inhalte weiterhin vom Urheberrecht ausschließen will, war für Anfang 2026 zur Plenarabstimmung erwartet, und die Überprüfung der Urheberrechtsrichtlinie kann nicht vor Juni 2026 beginnen. Was das für Verträge heißt, steht in KI und Urheberrecht für kreative Freelancer.

Der Positionierungszug

Marco Janck ist seit 25 Jahren selbstständig, hat eine Agentur auf 20 Leute gebaut und bewusst wieder auf vier verkleinert. Seine Session ging um Markenaufbau, und seine Antwort auf das Homogenisierungsproblem war das Unpolierteste des ganzen Tages:

"Die ganzen Sachen werden doch nur noch von der KI gebaut. Also ist doch die Kunst, dagegen zu stinken und zu sagen: Ey, nee, ich baue meine Schreibfehler schon noch selbst. Und wenn das die Unterscheidung für die Zukunft ist, dass ich Schreibfehler machen muss, dann mache ich Schreibfehler." (Marco Janck)

Seine Grundregel: Wahrnehmbar wird man, wenn man aus der Norm ausbricht, und das hat einen Preis, den man verlangen kann. Er erzählte, wie er komplett ausgelastet war, in einem Bewerbungsverfahren bleiben, es aber nicht gewinnen wollte, und deshalb ein Angebot weit über seinem eigenen inneren Raster schickte: 50.000 € Retainer. Zehn Minuten später lag der unterschriebene Auftrag da.

"Der Empfänger, der Kunde, macht den Wert. Und nicht ich in meinem komischen Raster." (Marco Janck)

Das ist die praktische Brücke zwischen Forschung und Rechnung. Das oberste Zehntel ist keine Persönlichkeit. Es ist eine Position, die du für einen bestimmten Kunden an einem bestimmten Problem einnimmst, und sie zeigt sich in den Entscheidungen, die nur du getroffen hättest.

Was du am Montag tust

  1. Sortiere die abrechenbare Arbeit des letzten Monats in Bodens drei Stufen. Waren über 80 % Rekombination, ist das der Teil, den Kunden irgendwann günstiger einkaufen.
  2. Leg einen Teil deines Handwerks fest, den du absichtlich selbst machst, und schreib auf, warum. Winters Test: jetzt nervig und langsamer, später besseres Urteil.
  3. Schau dir deine letzten fünf Ergebnisse an und markiere die Entscheidungen, die ein Modell nicht getroffen hätte. Findest du keine, ist genau das der Befund.
  4. Ergänze auf deiner Portfolioseite etwas unverwechselbar Eigenes: den Prozess, die Irrwege, den Grund für die Entscheidung. Menschliche Autorschaft ist auch das Urheberrechtsargument.
  5. Kalkuliere ein Angebot neu, über das Ergebnis für den Kunden statt über deine Stunden, und schau, was zurückkommt.

Was Kunden gerade tatsächlich bestellen, steht im Detail in Was Kunden 2026 bestellen, und was mit den Honoraren auf beiden Spuren passiert, in KI-Bonus oder KI-Rabatt. Wenn du die Projekte willst, die für Urteilsvermögen bezahlen: Ein kostenloses Profil auf 9am bringt dein Portfolio vor Unternehmen in der ganzen DACH-Region.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel greift die Sessions von Victoria Ringleb und Dorothea Winter sowie von Marco Janck bei Freelance Unlocked 2026 auf. Die ganzen Vorträge findest du oben im Video: freelanceunlocked.com.

Yurii Lazaruk

Community Builder & Podcast-Host

Yurii hat die 9am-Community aufgebaut und die Podcasts Freelance Thrive und Freelance Sucks moderiert, mit hunderten Gesprächen darüber, wie sich Freelancing wirklich anfühlt.

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