Wenn man Politiker bittet, dem Standort Deutschland fürs Unternehmertum eine Schulnote zu geben, und die Antworten zwischen Drei und Sechs liegen, sagt das mehr als jede Sonntagsrede. Genau so begann das Politik-Panel bei Freelance Unlocked 2026: mit einer nüchternen Bestandsaufnahme aus dem Bundestag selbst.
Auf der Bühne saßen Wilfried Oellers, seit 2013 für die CDU/CSU im Bundestag, Rechtsanwalt und Experte für Arbeitsmarktpolitik, Sandra Stein, Familienunternehmerin und für Bündnis 90/Die Grünen Berichterstatterin ihrer Fraktion für Mittelstand, Handwerk und Selbstständige, sowie Cathi Bruns, Autorin, Publizistin und Initiatorin der Initiative 4 Mio+, die den Selbstständigen im Land eine Stimme gibt.
Die Diagnose: 90 Prozent fühlen sich nicht respektiert
Den Ton setzte eine Zahl aus der Keynote von Sarah Weber am selben Morgen: 90 Prozent der Selbstständigen fühlen sich von der Politik nicht respektiert. Keiner der drei widersprach.
Stein bestätigte den Befund aus eigener Erfahrung. Bei Vorhaben wie der Aktivrente, dem Altersvorsorgedepot oder der zwischenzeitlich geplanten 1.000-€-Prämie seien Selbstständige „grundsätzlich vergessen" worden. Sie hat deshalb einen Selbstständigen-Roundtable mit Abgeordneten ihrer Fraktion eingerichtet und nimmt ihre eigene Partei ausdrücklich nicht aus: Das Thema sei „so ein blinder Fleck".
Oellers differenzierte: In seiner Fraktion habe Selbstständigkeit einen hohen Stellenwert, doch was gesetzgeberisch „auf die Straße" komme, entspreche dem nicht. Bemerkenswert war seine Beobachtung zur Gesprächskultur: Er höre von Verbänden immer wieder, dass Gesprächswünsche bei manchen Fraktionen gar nicht erst angenommen würden, aus seiner Sicht vor allem bei SPD und Linken. „Dass man Gesprächswünsche ausschlägt, das ist ein absolutes No-Go."
Bruns setzte grundsätzlicher an. Dass Selbstständigkeit überhaupt wie ein Sonderstatus behandelt wird, hält sie für den Kern des Problems:
„Politik gegen die Selbstständigkeit ist, gegen den eigenen Standort Politik zu machen." (Cathi Bruns)
Die Zahlen geben ihr recht. Deutschland verliert seit Jahren Selbstständige, der Anteil der Solo-Selbstständigen an den Erwerbstätigen sinkt kontinuierlich und lag 2025 noch bei 3,5 Prozent. Die Stimmung passt dazu: Der Jimdo-ifo Geschäftsklimaindex meldete Anfang 2026 die schlechteste Geschäftslage seit Beginn der Erhebung, und Selbstständige bewerteten die Wirtschaftspolitik mit der Note 4,3.
Vollkasko-Staat und ein veraltetes Unternehmerbild
Warum ändert sich so wenig, obwohl das Problem bekannt ist? Das Panel lieferte drei Erklärungen.
Erstens die Mentalität. Oellers beobachtet seit seiner ersten Legislaturperiode eine wachsende Vollkasko-Erwartung, die durch die Coronazeit „einen richtigen Push" bekommen habe. Die Politik meine, der Gesellschaft alles vorgeben zu müssen, „und das geht einfach nicht". Bruns drehte das Argument weiter: Es werde sich stark gekümmert, wo es gar nicht nötig sei, während man den Leuten die Entscheidung über ihr eigenes Leben nicht mehr zutraue. Selbstständige wollten keinen Rundumschutz, sondern arbeiten.
Zweitens die Repräsentanz. Stein wies auf eine unbequeme Statistik hin: Immer weniger Abgeordnete bringen unternehmerische Erfahrung mit. Früher habe die FDP die Zahlen nach oben getrieben, heute stelle die AfD die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer im Bundestag. „Das sagt vielleicht etwas über die AfD aus, aber es sagt natürlich sehr viel über die anderen Fraktionen aus."
Oellers ergänzte einen Punkt, der in der Debatte oft untergeht: Missbrauch in einzelnen Branchen, er nannte die Fleischindustrie mit ihren Werkverträgen, tauge nicht als Argument gegen alle Selbstständigen. Dort habe der Gesetzgeber gezielt nachgeschärft und die Kontrollen des Zolls verbessert. Genau diese Präzision statt Pauschalverdacht fordert er auch für die kommende Reform.
Drittens die Prägung. Selbstständigkeit war in Deutschland einmal Alltag, vom Hof über die Schreinerei bis zum Einzelhandel. Je weniger Menschen selbstständig sind, desto weniger Kinder wachsen damit auf, und auf dem Bildungsweg kommt Unternehmertum praktisch nicht vor. Bruns' Fazit: „Deutschland hat ein gestörtes Verhältnis zur Selbstständigkeit." Ihr Gegenmittel ist keine Imagekampagne, sondern Normalisierung, in Schulen, in Familien, in der Sprache. Schon der Begriff „Normalarbeitsverhältnis" für die Festanstellung erkläre alle anderen zur Sonderform.
Priorität eins: Scheinselbstständigkeit lösen
Bei allen Unterschieden waren sich die drei in einem Punkt einig: Die Reform der Statusfeststellung, im Alltag als Scheinselbstständigkeits-Problem bekannt, ist die dringendste Baustelle. Oellers, der das Thema seit 2013 begleitet und für die Union mitverhandelt, wurde deutlich: Die heutigen Kriterien Weisungsgebundenheit und Eingliederung seien „einfach zu dünn", und die Rechtsprechung helfe nicht weiter. Der Gesetzgeber müsse selbst klare Kriterien definieren. Den ersten Referentenentwurf kommentierte er trocken, der sei „jetzt aber auch nicht besonders toll geworden".
Bruns machte aus der Priorität eine Rechnung. Deutschland stecke in einer Standortkrise, diskutiere über teure Konjunkturpakete und lasse gleichzeitig das günstigste Instrument liegen:
„Freie Arbeit zu liberalisieren ist ein Konjunkturprogramm, das gar nichts kostet. Lasst uns doch arbeiten." (Cathi Bruns)
Dazu kommt der Zeitdruck: Unternehmerfamilien raten ihren Kindern inzwischen von der Selbstständigkeit ab, und das Land steuert auf ein massives Nachfolgeproblem im Mittelstand zu. Jedes Jahr ohne Reform verschärft beides.
Auf die direkte Frage, ob die Reform noch dieses Jahr komme, legte sich Oellers fest: Rein parlamentarisch sei es möglich, und ja, er gebe sein Wort, hart dafür zu kämpfen. Das deckt sich mit dem Koalitionsvertrag, der eine schnellere, transparentere und rechtssichere Statusfeststellung verspricht. Was die Verhandlungen dazu konkret bedeuten, haben wir nach dem Expertenpanel zum geleakten Entwurf aufgeschrieben: Reform der Scheinselbstständigkeit: Was Experten vom geleakten Entwurf halten.
Danach kommt für alle drei dasselbe Thema: Bürokratie. Stein erzählte von Etsy-Händlerinnen, die an der Verpackungsverordnung verzweifeln, einem Regelwerk, das für Konzerne gedacht ist und bei Solo-Selbstständigen landet. Als Hoffnungsschimmer nannte Oellers Beschlüsse aus NRW und Baden-Württemberg, Dokumentations- und Berichtspflichten grundsätzlich abzuschaffen und nur mit Begründung bestehen zu lassen. Eine Beweislastumkehr, die als Blaupause für den Bund taugen könnte.
Was Selbstständige jetzt beobachten sollten
Aus zwei Stunden Panel lassen sich konkrete Beobachtungspunkte für die nächsten Monate ableiten:
- Kommt die Statusreform 2026? Oellers hat sein Wort gegeben, der Koalitionsvertrag liefert die Grundlage. Ob der finale Entwurf Positivkriterien enthält, die reale Geschäftsmodelle abbilden, ist der Lackmustest. Bis dahin gilt das alte Recht, und der kostenlose Scheinselbstständigkeits-Test von 9am zeigt dir in wenigen Minuten, wo dein eigenes Setup heute steht.
- Wer wird bei Entlastungen mitgedacht? Aktivrente, Vorsorgedepot, Steuerprämien: Ob Selbstständige künftig von Anfang an vorkommen, zeigt, ob sich die Wahrnehmung wirklich ändert.
- Bürokratieabbau mit Beweislastumkehr: Ob das Modell aus den Ländern den Sprung auf Bundesebene schafft.
- Die Grünen als sozialliberale Adresse? Stein will den sozialliberalen Raum besetzen, den die FDP hinterlassen hat. Ihre Fraktion hat dafür einen Wirtschaftsbeirat eingerichtet, in dem auch Selbstständigen-Vertreter sitzen. An solchen Formaten lässt sich messen, ob aus Gesprächen Politik wird.
Und Bruns' Appell richtet sich an die Selbstständigen selbst: Sichtbar sein, mitreden, den eigenen Lebensentwurf verteidigen. „Freiheit verlieren geht ganz schnell, und Freiheit zurückgewinnen ist schwieriger."
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Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel basiert auf der Paneldiskussion mit Sandra Stein, Wilfried Oellers und Cathi Bruns bei Freelance Unlocked 2026. Den ganzen Vortrag findest du oben im Video: freelanceunlocked.com.