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Werkvertrag oder Dienstvertrag: Was dich wirklich schützt, und wo das Etikett aufhört zu helfen

Zwei Vertragstypen, zwei Zahlungsauslöser, eine Prüfung, die beide Etiketten ignoriert. Welcher passt, und welche Klauseln du streichst.

Marc Clemens
Marc Clemens

Sep 04, 2026

Recht Kundenbindung Herausforderungen für Freelancer
Kurz gesagt

Ein Werkvertrag (§ 631 BGB) bezahlt dich für ein Ergebnis, das der Kunde abnimmt; ein Dienstvertrag (§ 611 BGB) bezahlt dich für die Tätigkeit, meist nach Stunden oder Tagen. Die Wahl verändert, wann du Geld siehst, wie lange du haftest und wie beide Seiten wieder rauskommen. Über deinen Status entscheidet sie nicht: § 7 SGB IV schaut auf Weisung und Eingliederung im Alltag, und das Bundessozialgericht bestätigte im Juli 2025 Selbstständigkeit auf einem schlichten Vertrag über freie Mitarbeit, weil die Praxis passte. Nimm den Typ, der zur Aufgabe passt, streich die Klauseln, die einen Angestellten beschreiben, und prüf den Status getrennt.

Die meisten Freelance-Verträge in Deutschland sind eines von zwei Dingen, und viele Kunden könnten dir nicht sagen, welches sie dir gerade geschickt haben. Das ist relevant, weil die beiden Typen dich zu unterschiedlichen Zeitpunkten bezahlen und dich unterschiedlichen Risiken aussetzen. Für eine Frage ist es deutlich weniger relevant, als die meisten Ratgeber behaupten: ob ein Prüfer dich für einen Arbeitnehmer hält. Dieser Artikel trennt die beiden Ebenen.

Die zwei Typen in einer Tabelle


Werkvertrag (§ 631 BGB)

Dienstvertrag (§ 611 BGB)

Du schuldest

Ein Ergebnis: die Website, den Report, die migrierte Datenbank

Die Tätigkeit: Beratungstage, Entwicklungsstunden, Support

Zahlungsauslöser

Abnahme des Werks

Geleistete Zeit, abgerechnet pro Zeitraum

Mängel

Kunde kann Nacherfüllung verlangen, selbst beheben lassen, mindern oder zurücktreten, Schadensersatz fordern (§ 634 BGB)

Keine Gewährleistung für ein Ergebnis; du schuldest sorgfältige Arbeit, Haftung braucht eine Pflichtverletzung

Ausstieg des Kunden

Jederzeit bis zur Vollendung, aber gegen Vergütung des Geleisteten plus vermuteter 5 % auf den Rest (§ 648 BGB)

Kündigungsfristen nach dem Abrechnungsrhythmus (§ 621 BGB) oder nach dem, was im Vertrag steht

Typisch für

Festpreisprojekte, Deliverables, Design und Umsetzung

Retainer, Interimsrollen, Kapazitätsprojekte

§ 631 BGB beschreibt das geschuldete Werk als "die Herstellung oder Veränderung einer Sache" oder als "ein anderer durch Arbeit oder Dienstleistung herbeigeführter Erfolg". § 611 BGB erfasst "Dienste jeder Art". Die Wörter, an denen du erkennst, was vor dir liegt: "Werk", "Abnahme", "Leistungsbeschreibung" deuten auf einen Werkvertrag, "Tagessatz", "Stundennachweis", "nach Aufwand" auf einen Dienstvertrag.

Was jeder Typ mit deinem Geld macht

Die Abnahme ist der Druckpunkt des Werkvertrags. Nach § 640 BGB muss der Besteller ein vertragsgemäßes Werk abnehmen und darf sie "wegen unwesentlicher Mängel" nicht verweigern. Setzt du nach der Fertigstellung eine angemessene Frist und der Kunde nimmt weder ab noch benennt mindestens einen Mangel, gilt die Abnahme als erteilt. Nutz das: Eine schriftliche Bitte um Abnahme bis zu einem konkreten Datum ist der billigste Schutz gegen die Rechnung, die nie fällig wird.

Die Gewährleistung läuft ab der Abnahme. Für Software, Designs und andere Werke verjähren die Mängelansprüche nach § 634a BGB in zwei Jahren, wenn das Werk in der Herstellung oder Veränderung einer Sache besteht, sonst nach der regelmäßigen Frist. Festpreisarbeit braucht eine Rücklage für diesen Nachlauf, Stundenarbeit trägt ihn nicht.

Der Ausstieg ist beim Werkvertrag einseitig. § 648 BGB lässt den Kunden jederzeit bis zur Vollendung kündigen, du behältst aber die vereinbarte Vergütung abzüglich dessen, was du sparst, mit einer Vermutung von 5 % auf den noch nicht erbrachten Teil. Beim Dienstvertrag hängt die gesetzliche Frist an der Abrechnungseinheit: Eine Monatsvergütung endet zum 15. für den Monatsschluss, eine Vierteljahresvergütung braucht sechs Wochen (§ 621 BGB). Bei "Diensten höherer Art" aufgrund besonderen Vertrauens erlaubt § 627 BGB sogar die fristlose Kündigung. In der Praxis schlägt die Kündigungsklausel deines Vertrags diese Vorgaben, also lies sie.

Zahlungsrhythmus. Ein Werkvertrag ohne Meilensteine heißt, dass du das Projekt vorfinanzierst. Teil es auf: 30 % bei Vertragsschluss, 40 % bei Teilabnahme, 30 % bei Endabnahme ist ein gängiges Muster. Ein Dienstvertrag sollte sagen, wann der Stundennachweis als freigegeben gilt, sonst arbeitet dasselbe Schweigen gegen dich.

Das Etikett liest der Prüfer nicht

Hier der Irrtum, den du ablegen kannst: "Werkvertrag heißt selbstständig, Dienstvertrag heißt arbeitnehmerähnlich." Keiner der beiden Typen ist ein Status.

§ 7 SGB IV nennt zwei Anhaltspunkte für Beschäftigung: "eine Tätigkeit nach Weisungen und eine Eingliederung in die Arbeitsorganisation des Weisungsgebers". Ein Dienstvertrag liegt strukturell näher an diesen beiden, weil es kein eigenständiges Ergebnis gibt, auf das man zeigen kann, sondern nur deine Anwesenheit und deine Stunden. Deshalb behandeln Praktiker ihn als den Typ, der eher genauer angeschaut wird. Das ist Logik, keine Regel im Gesetz, und sie schneidet in beide Richtungen: Ein Werkvertrag, den du unter täglichen Anweisungen eines Teamleads im Jira des Kunden abarbeitest, ist Beschäftigung mit schönerer Überschrift.

Wie das Gericht wirklich vorgeht, zeigte das Bundessozialgericht am 22. Juli 2025 (B 12 BA 7/23 R). Ein Lohnbuchhalter arbeitete für eine Steuerkanzlei auf Basis eines "Vertrags über freie Mitarbeit" und betreute 30 Mandate für 35 % des damit erzielten Nettoumsatzes. Er zahlte 35 € im Monat für Arbeitsplatz und IT-Zugang, konnte weitere Aufträge ablehnen, musste nicht persönlich leisten und hatte 2018 "mindestens 18 weitere eigene Auftraggeber". Das Gericht bestätigte die Selbstständigkeit. Es gewichtete das Fehlen "örtlicher, zeitlicher oder inhaltlicher Vorgaben", die umsatzabhängige Vergütung, mit der er "das unternehmerische Risiko einer ineffektiven oder auch mangelhaften Arbeitsweise" trug, und ergänzte, dass bei gleichgewichtigen Indizien dem gelebten Willen der Vertragsparteien ausschlaggebende Wirkung zukommen kann. Beachte, was den Fall trug: wie die Arbeit lief, nicht welcher BGB-Paragraf im Vertrag stand.

Silke Becker, Director Legal & Compliance beim IT-Personaldienstleister Etengo, berät die Kundenseite beruflich. Auf dem Reformpanel bei Freelance Unlocked 2026 nannte sie die zwei Kriterien, mit denen sie täglich arbeitet, "die Kriterien, die normalerweise über alle Rechtsgebiete gelten, Eingliederung und Weisung", und beschrieb die Versuchung auf der anderen Seite des Tisches:

"Ich kann aber angewiesen werden und ich glaube, die Kunden werden das nutzen, und ich kann eingegliedert werden, weil das ist ja der Vorteil, den die Kunden haben. Sie müssen sich in den Projekten da überhaupt nicht mehr drum kümmern." (Silke Becker)

Ihre Warnung vor einer Klausel, die geschrieben, aber nicht gelebt wird, gilt für jeden Vertrag, nicht nur für den Reformentwurf, über den sie sprach:

"Dann sage ich als Unternehmensjurist: Wie soll ich denn mein Unternehmen und Kunden beraten? Sagen, schreibt's rein, aber wir machen es nicht? Ist das dann Scheingeschäft? Ich weiß es nicht." (Silke Becker)

Professor Rainer Schlegel, früherer Präsident des Bundessozialgerichts, fasste das Grundproblem auf derselben Bühne in einem Satz: Jede Tätigkeit lässt sich abhängig beschäftigt oder selbstständig ausüben, "die Grenzbereiche sind grau und verschwimmen". Dein Vertragstyp holt dich nicht aus der Grauzone. Deine gelebte Praxis schon.

Rote Klauseln in beiden Typen

Streich oder verhandle diese Punkte vor der Unterschrift. Jeder einzelne beschreibt einen Angestellten, egal was in der Überschrift steht.

  1. Feste Arbeitszeiten oder Kernzeiten ("Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr"). Vereinbare stattdessen Erreichbarkeitsfenster für Termine.
  2. Ein benannter Vorgesetzter mit Weisungsbefugnis ("weisungsbefugt", "berichtet an"). Ersetz das durch einen Ansprechpartner für die Abstimmung.
  3. Pflicht zur persönlichen Leistung ohne Vertretung. Bitte um das Recht, qualifizierte Subunternehmer mit Zustimmung des Kunden einzusetzen. Der Buchhalter im BSG-Fall musste nicht persönlich leisten, und das Gericht hat es ausdrücklich vermerkt.
  4. Anwesenheitspflicht beim Kunden ohne Projektgrund.
  5. Arbeitsmittel und Accounts des Kunden als Standard. Dein Laptop, deine Lizenzen, außer Sicherheitsvorgaben verlangen es anders, und dann steht das so im Vertrag.
  6. Exklusivität oder ein Verbot anderer Kunden. Konzentration ist schon für sich ein Risiko, ein schriftliches Verbot ist schlimmer.
  7. Urlaubsgenehmigung, Krankmeldepflichten, Zeiterfassung im HR-System des Kunden.
  8. Ein Vermittlervertrag, der die Konstruktion nicht benennt. Wirst du bei einem Endkunden eingesetzt und arbeitest dort nach dessen Weisungen im Team, ist das nach § 1 AÜG Arbeitnehmerüberlassung, die eine Erlaubnis braucht und im Vertrag ausdrücklich so bezeichnet werden muss. Ein Freelance-Vertrag überdeckt das nicht.

Welche Klauseln dich umgekehrt schützen, steht in unseren sieben Punkten für jeden Freelancer-Vertrag, in der längeren Inhaltsübersicht mit Vorlage und im Text zu Nutzungsrechten und IP-Klauseln.

Das Muster, das funktioniert: Rahmenvertrag plus Einzelauftrag

Lange Kundenbeziehungen rutschen von selbst in den Dienstvertrag, weil niemand Lust hat, jedes Quartal einen neuen Vertrag zu schreiben. Es geht sauberer.

Der Rahmenvertrag regelt, was sich nicht ändert: Parteien, Sätze, Vertraulichkeit, Nutzungsrechte, Haftung, Kündigung und den Punkt, dass du für andere arbeiten und Aufträge ablehnen darfst. Er begründet weder eine Pflicht zu beauftragen noch eine Pflicht anzunehmen.

Jeder Einzelauftrag beschreibt dann ein Stück Arbeit: Umfang, Ergebnis oder Kapazität, Zeitraum, Abnahmekriterien, Preis. Zwei Seiten, unterschrieben oder per E-Mail bestätigt. Ist das Stück ein Ergebnis, ist der Auftrag ein kleiner Werkvertrag mit eigener Abnahme. Ist es Kapazität für eine Phase, ist er ein befristeter Dienstvertrag mit klarem Ende.

Was dir das bringt: eine Aktenlage, die dich als Unternehmen zeigt, das Aufträge annimmt, statt als Kopf auf der Gehaltsliste; natürliche Punkte, um über Sätze neu zu reden; und ein sauberes Enddatum pro Einsatz statt einer Beziehung, die still vier Jahre gelaufen ist. Es spiegelt auch das, was der Buchhalter im BSG-Fall hatte: klar umrissene Leistungen und die Freiheit, den nächsten Auftrag abzulehnen.

Was du am Montag tust

  1. Sortier deine laufenden Verträge. Schreib W oder D daneben. Bei jedem W: Gibt es Abnahmekriterien und eine Abnahmefrist? Bei jedem D: Wie lautet die Kündigungsklausel und die Regel zur Freigabe des Stundennachweises?
  2. Schick die Abnahme-Mail für jede gelieferte Arbeit, die noch auf ein "finales Okay" wartet. Setz ein Datum. § 640 BGB erledigt den Rest.
  3. Geh die rote Liste an deinem größten Vertrag durch und markier die Klauseln, die du heute streichen würdest. Nimm die Liste ins nächste Verlängerungsgespräch mit, nicht zuerst zum Anwalt.
  4. Schlag einen Rahmenvertrag vor, und zwar dem Kunden, mit dem du am längsten ohne frischen Vertrag arbeitest.
  5. Prüf deinen Status, nicht dein Etikett. Der kostenlose Scheinselbstständigkeits-Test von 9am stellt die Fragen, die ein Prüfer zu Weisung und Eingliederung stellt. Zwanzig Minuten, vor dem nächsten Vertrag.

Wenn die ehrliche Antwort auf Schritt 3 lautet, dass der Vertrag eines Kunden wie eine Stellenbeschreibung klingt, ist die beste Klausel ein zweiter Kunde. Ein kostenloses Profil auf 9am bringt dein Angebot vor Unternehmen aus der ganzen DACH-Region, die Freelancer genau auf dieser Basis beauftragen.

Dieser Artikel ist eine Einordnung aus der Praxis und allgemeine Information. Er ersetzt keine Rechtsberatung zu deinem konkreten Vertrag.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel greift die Expertendiskussion zur Reform der Scheinselbstständigkeit bei Freelance Unlocked 2026 auf. Den ganzen Vortrag findest du oben im Video: freelanceunlocked.com.

Marc Clemens

Founder & Product Builder

Marc baut seit über zehn Jahren Recruiting- und Job-Marktplätze. Mit 9am will er Freelance-Arbeit für beide Seiten einfacher machen, nebenbei organisiert er die Freelance-Unlocked-Konferenz.

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