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Abschalten funktioniert nicht: Was Erholungsforschung Selbstständigen wirklich rät

Abschalten bringt Selbstständigen laut einer Studie mit 1.043 Gründern nichts. Entspannung und Kontrolle schon. So baust du deine Woche um.

Yurii Lazaruk
Yurii Lazaruk

Sep 03, 2026

Wohlbefinden Zeitmanagement Mindset Studie
Kurz gesagt

Sich zum Abschalten zu zwingen bringt Selbstständigen nichts: Eine Studie mit 1.043 Unternehmerinnen und Unternehmern findet keinen Zusammenhang zwischen Abschalten und Wohlbefinden, wohl aber zwischen Entspannung, Kontrolle und Wohlbefinden, und zwar deutlich. Genau an Kontrolle fehlt es Freelancern: Die Arbeitswoche liegt im Schnitt bei 42 Stunden, 12 % arbeiten mehr als 50, und 76 % nehmen weniger frei, als Angestellten gesetzlich zusteht. Wer gar keinen Urlaub nimmt, berichtet viermal seltener von guter mentaler Gesundheit. Bau dir feste Fünf-Minuten-Routinen zum Rollenwechsel, blockiere zwei Termine pro Woche, die dir gehören, und behandle Entspannung als Pflicht, nicht als Kür.

Der Ratschlag ist immer derselbe. Handy weg, Laptop zu, Kopf frei. Wer abends noch an den Kunden denkt, macht etwas falsch.

Bei Selbstständigen stimmt dieser Ratschlag nicht. Und das ist keine Ausrede, das ist ein Messergebnis.

Im Juli 2025 haben Le Moal, Thurik, Torrès und Soenen in Small Business Economics eine Auswertung zu Erholung bei Unternehmerinnen und Unternehmern veröffentlicht. 1.043 Antworten aus vier Befragungen, 993 davon in den Auswertungen. Sie haben die vier klassischen Erholungsdimensionen gegen Wohlbefinden und Burnout getestet. Ein Ergebnis fällt aus der Reihe: Psychologisches Abschalten, also das gedankliche Loslösen von der Arbeit, hing nicht signifikant mit dem Wohlbefinden zusammen. Entspannung und Kontrolle schon, und zwar deutlich.

Wer sich also seit Jahren dafür schämt, dass er abends nicht abschalten kann, schämt sich für die einzige Dimension, die in dieser Gruppe nichts vorhersagt.

Was die Studie tatsächlich gemessen hat

Erholungsforschung arbeitet mit vier Dimensionen, und der Unterschied zwischen ihnen ist der ganze Punkt.

Abschalten heißt, die Arbeit gedanklich nicht mehr im Kopf zu haben. Entspannung heißt, den Körper und das Nervensystem in einen ruhigen Zustand zu bringen, egal woran du dabei denkst. Mastery heißt, in der freien Zeit etwas zu tun, in dem du besser wirst, also Sprache, Sport, Instrument. Kontrolle heißt, dass du selbst entscheidest, wann du was tust.

Bei den Befragten sagte Kontrolle am stärksten weniger Burnout voraus. Entspannung und Kontrolle sagten am stärksten höheres Wohlbefinden voraus. Abschalten fiel bei Wohlbefinden durch, Mastery bei Burnout.

Dazu kommt ein zweiter Befund, der unbequemer ist: Selbstständige erreichten auf allen vier Dimensionen niedrigere Werte als Angestellte. Am niedrigsten ausgerechnet beim Abschalten. Die Autorinnen und Autoren erklären das mit der Verbindung zwischen Person und Betrieb. Wenn das Geschäft deins ist, ist es abends nicht weg, weil du es bist.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, bevor du das auf dich überträgst. Die Stichprobe ist französisch, und sie besteht aus Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern, nicht speziell aus Freelancern. Und der TK-Stressreport 2025, der für Deutschland die Grundlinie liefert, weist Selbstständige nicht gesondert aus. Er sagt uns nur, wie das Umfeld aussieht: 66 % fühlen sich häufig oder manchmal gestresst, und der meistgenannte Stressfaktor sind nicht die Kunden, sondern die eigenen hohen Ansprüche mit 61 %. Für eine Berufsgruppe, die sich ihre Standards selbst setzt, ist das eine interessante Zahl.

Warum Abschalten bei dir nicht greift

Es gibt eine Erklärung dafür, die im Kopf ansetzt statt in der Moral, und sie kam auf der Freelance Unlocked 2026 von der Bühne.

Sophia Herrmann ist freiberufliche Beraterin und hat Psychologie studiert. Ihre These klingt harmlos und dreht das ganze Thema um.

"Produktiv und erholt zu sein, das ist nicht nur eine Sache von unserem Zeitmanagement, sondern das geht auch um unser Rollenmanagement." (Sophia Herrmann)

Ihr Bild dafür ist erstaunlich zeitgemäß:

"Ich möchte gerne, dass ihr euch Rollen so vorstellt wie einen KI-Agenten, den euer Kopf automatisch baut." (Sophia Herrmann)

Der Kopf baut für jeden Kontext so einen Agenten, damit er nicht bei jeder Gelegenheit das gesamte Wissen und alle Verhaltensregeln gleichzeitig durchgehen muss. Das spart Energie. Der Wechsel zwischen zwei Agenten kostet allerdings welche, weil du dich an andere Ziele erinnern und Emotionen aus der vorigen Rolle herunterregulieren musst.

Wie teuer so ein Wechsel ist, hängt davon ab, wie weit die beiden Rollen auseinanderliegen. Sophias eigenes Beispiel: Zwischen fünf Kundenprojekten springt sie mühelos hin und her, weil sie sich in allen fünf ähnlich verhält. In die Buchhaltung zu kommen ist dagegen ein echter Umzug. Und beides hat eine Kehrseite. Bei nahen Rollen ist der Wechsel leicht, dafür fällt der Fokus schwer. Bei weit entfernten Rollen ist der Fokus leicht, dafür der Wechsel schwer.

Genau deshalb scheitert der klassische Feierabend. Freelancing und Privatleben sind für die meisten von uns sehr nahe Rollen: gleicher Raum, gleiches Gerät, gleiche Sprache, gleiche Person. Nahe Rollen sind bequem und fokussieren schlecht. Du hast nicht zu wenig Disziplin. Du hast zwei Agenten, die sich zu ähnlich sehen.

Ihre Antwort darauf sind nicht härtere Grenzen, sondern Übergänge.

"Routinen sind quasi so Mini-Rollenwechselszenarien für unseren Kopf." (Sophia Herrmann)

Die Routine, die sie mitgebracht hat, dauert fünf Minuten und ist unspektakulär. Am Ende des Arbeitstags schreibst du die drei wichtigsten Dinge auf, die du liegen lässt, und gibst dir ausdrücklich die Erlaubnis, sie liegen zu lassen. Dann schreibst du drei Dinge auf, die du im Privatleben wieder aufgreifen möchtest. Danach ist die Rolle gewechselt. Kein fester Feierabend um 17 Uhr nötig, du machst es dann, wenn der Zeitpunkt da ist.

Für den Wechsel zwischen Kundenprojekten funktioniert dieselbe Mechanik: nach jedem Termin die drei wichtigsten Mitnahmen notieren, drei Minuten vor dem nächsten Termin die drei wichtigsten Ziele. Und wer sich etwas wirklich vornehmen will, arbeitet mit dem, was in der Psychologie Implementation Intention heißt, also einem Wenn-dann-Satz: Wenn ich den Laptop zuklappe, dann mache ich die Fünf-Minuten-Routine. Vorsätze ohne Auslöser verschwinden. Vorsätze mit Auslöser halten.

Kontrolle ist der Hebel, und in DACH fehlt sie

Wenn Kontrolle die Dimension ist, die am meisten trägt, lohnt ein Blick darauf, wie viel Kontrolle im deutschsprachigen Freelance-Alltag tatsächlich übrig ist.

Der Freelancer-Kompass 2026 mit 5.412 Befragten zeigt eine Woche von durchschnittlich 42 Stunden, zwei mehr als im Vorjahr. 12 % arbeiten mehr als 50 Stunden. 12 % der Arbeitszeit sind nicht abrechenbar. Immerhin: Der Urlaub ist auf 29 Tage gestiegen, nach 27 im Jahr davor.

Ob dieser Urlaub genommen wird, ist eine andere Frage. Im Leapers-Report 2025, einer Befragung von 1.013 Selbstständigen, nahmen 76 % weniger frei, als Angestellten gesetzlich mindestens zusteht. 10,63 % nahmen keinen einzigen Tag. Und dazu gehört die Zahl, die den Rest der Diskussion erledigt: Wer gar nicht freinimmt, berichtet über viermal seltener von guter mentaler Gesundheit als wer mehr als das Angestellten-Äquivalent freinimmt. 6,3 % gegenüber 27,4 %.

Kontrolle im Sinne der Studie heißt nicht, dass du weniger arbeitest. Sie heißt, dass du entscheidest. Und die häufigsten Kontrollverluste im Freelance-Alltag sind alltäglich und lösbar: Kunden, die deinen Kalender bestimmen. Ein Nachrichtenkanal, in dem du immer erreichbar bist. Termine, die andere in deine tiefen Arbeitsblöcke legen. Ein Kontostand, der jedes Nein teuer macht. Der letzte Punkt ist der ehrlichste. Woran die Auslastung 2026 wirklich hängt, steht in unserem Text zum 103-Euro-Paradox, und ohne Rücklagen bleibt Kontrolle ein Wort.

Zwei Dinge daraus lassen sich diese Woche ändern. Erstens: Lege deine Erholung dorthin, wo dir niemand hineinredet, statt sie an das Ende einer Liste zu hängen, die nie leer wird. Zweitens: Entspannung ist die zweite tragende Dimension, und sie ist erstaunlich unspektakulär. Der TK-Stressreport nennt als hilfreichste Strategien Spaziergang und Natur mit 83 %, Hobbys mit 78 % und Treffen mit Familie oder Freunden mit ebenfalls 78 %. Nichts davon verlangt, dass du dabei nicht an die Arbeit denkst.

Stress ist nicht dein Feind, bleibt aber im Körper

Die zweite Stimme aus Berlin liefert das Stück, das die Studie nur als Wert misst.

Sophie Vaessen, Gründerin und Atemtrainerin, hat ihre Session damit begonnen, zwei Wörter auseinanderzunehmen, die alle durcheinanderbringen.

"Das ist nicht der Stress, das ist der Stressor. Stress ist das, was im Körper passiert." (Sophie Vaessen)

Die Deadline, die verspätete S-Bahn, die unbeantwortete Mail: das sind Stressoren. Stress ist die Reaktion darauf, also Hormone, Herzschlag, Atmung. Und daraus folgt der Satz, der erklärt, warum abends nichts besser wird, obwohl das Problem gelöst ist:

"Wenn die S-Bahn dann doch endlich kommt, dann ist der Stress im Zweifelsfall gar nicht weg, sondern der ist noch im Körper, weil wir nichts damit gemacht haben." (Sophie Vaessen)

Sie hat den Saal danach gefragt, wie die Kommunikation zwischen Kopf und Körper verteilt ist. Die Antwort in ihrem Modell: ungefähr 20 % laufen vom Kopf zum Körper, 80 % in die Gegenrichtung. Wer sich also nach einem schlechten Tag innerlich zuredet, arbeitet mit dem kleineren Kanal. Deshalb wirken Haltung, Bewegung, Atmung und der Anruf bei einem Menschen, der einen tatsächlich beruhigt, schneller als jede Selbstansprache. Genau das ist Entspannung im Sinne der Erholungsforschung, und genau das ist der Grund, warum sie funktioniert, während Abschalten es nicht tut.

Ihr zweites Bild ist das Toleranzfenster. Jeder Mensch hat einen eigenen Spielraum dafür, wie viel Aktivierung er verträgt, und dieser Spielraum ändert sich mit der Lebensphase. Wenn gerade viel los ist, wird das Fenster enger, und Dinge, die sonst egal wären, sind plötzlich zu viel.

"Die besten Momente zum Trainieren dieses Toleranzfensters sind eben die Momente von Stress." (Sophie Vaessen)

Ihr Ziel ist ausdrücklich nicht Dauerbalance.

"Es geht um die Flexibilität. Man möchte mit den Höhen und Tiefen, die das Leben einem gibt, umgehen können." (Sophie Vaessen)

Eine Warnung hat sie selbst mitgeliefert, und sie ist wichtig: Sehr aktivierende Methoden wie intensive Atemtechniken oder Eisbaden sind kein Werkzeug für ein bereits überlastetes Nervensystem. In solchen Phasen wirken die sanften Sachen. Schlaf, Essen, Bewegung, Ruhe, andere Menschen. Und wenn die Belastung bleibt, statt zu gehen, gehört sie nicht in einen Blogartikel, sondern zu einer Ärztin oder einem Therapeuten.

So sieht eine Woche aus, die auf Erholung gebaut ist

Wenn Kontrolle und Entspannung die tragenden Dimensionen sind, ergibt sich daraus eine Wochenstruktur, die anders aussieht als die üblichen Digital-Detox-Tipps.

Setze feste Punkte, die dir gehören. Zwei bis drei Termine pro Woche, die genauso wenig verhandelbar sind wie ein Kundentermin. Nicht "Sport, wenn Zeit ist", sondern Dienstag 18 Uhr. Kontrolle entsteht durch Entscheidungen, die vorher getroffen wurden.

Bau Übergänge statt Grenzen. Fünf Minuten am Ende des Arbeitstags, drei Minuten zwischen zwei Projekten. Das ist der Rollenwechsel, den dein Kopf braucht, und er ist billiger als jeder Vorsatz, ab jetzt um 17 Uhr Schluss zu machen.

Trenne die Rollen, die weit auseinanderliegen, auch im Raum. Buchhaltung nicht am Projektschreibtisch, sondern am Küchentisch, in einem anderen Browser, zu einer anderen Zeit. Sophias Punkt: Der Kopf braucht ein Signal von außen, dass jetzt eine andere Rolle dran ist.

Plane Erholung nach Körper, nicht nach Kalenderlogik. Der Abend nach einem harten Verhandlungstag ist nicht der Abend für ein anspruchsvolles Hobby. Er ist der Abend für einen Spaziergang. Das ist keine Faulheit, das ist die Dimension, die am besten vorhersagt, wie es dir geht.

Nimm den Urlaub, den du dir aufgeschrieben hast. 29 Tage stehen im Kompass. Trag zwei Blöcke davon jetzt ein, bevor die Projekte es tun.

Was du am Montag machst

  1. Richte einen Fünf-Minuten-Abschluss ein. Drei Dinge, die du liegen lässt, mit ausdrücklicher Erlaubnis. Drei Dinge, auf die du dich privat freust. Fertig.
  2. Schreib einen Wenn-dann-Satz auf. "Wenn ich den Laptop zuklappe, dann mache ich die Routine." Ein Auslöser schlägt jeden guten Vorsatz.
  3. Sperre zwei Blöcke im Kalender, die niemand verschieben darf. Einer für Erholung, einer für die Arbeit, die dir gehört. Kontrolle ist die Dimension, die am meisten trägt.
  4. Verlege eine Rolle physisch. Buchhaltung, Angebote oder Akquise raus vom Projektschreibtisch. Ein anderer Ort reicht schon.
  5. Nimm nach einem stressigen Termin zwei Minuten für den Körper. Aufstehen, ausschütteln, ein paar tiefe Atemzüge, kurz vor die Tür. Der Stressor ist weg, der Stress noch nicht.

Nichts davon ist ein Verzicht auf Leistung. Es ist die Reihenfolge, die die Daten nahelegen: erst Kontrolle und Entspannung, dann die Frage, ob du gedanklich loskommst. Warum Alleinsein dabei ein eigener Faktor ist, steht in unserem Text zur Einsamkeit bei Freelancern, und die mentalen Muster hinter dem Dauerlauf stehen in der Psychologie erfolgreicher Freelancer.

Und weil ein voller Kalender leichter zu steuern ist als ein leerer: Leg dir ein kostenloses Profil auf 9am an und lass Projekte zu dir kommen, statt jede Lücke mit Akquise zu füllen.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel greift die Sessions von Sophia Herrmann und Sophie Vaessen bei Freelance Unlocked 2026 auf. Die ganzen Vorträge findest du oben in den Videos: freelanceunlocked.com.

Yurii Lazaruk

Community Builder & Podcast-Host

Yurii hat die 9am-Community aufgebaut und die Podcasts Freelance Thrive und Freelance Sucks moderiert, mit hunderten Gesprächen darüber, wie sich Freelancing wirklich anfühlt.

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