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Die beste Empfehlung kommt nicht von deinem engsten Kontakt

20 Millionen LinkedIn-Profile, ein Experiment: Deine engsten Kontakte bringen am wenigsten Aufträge. Optimum bei 10 gemeinsamen Kontakten.

Yurii Lazaruk
Yurii Lazaruk

Sep 05, 2026

Kundenakquise Netzwerken Studie
Kurz gesagt

Der größte kausale Test der Theorie schwacher Verbindungen, ein LinkedIn-Experiment mit rund 20 Millionen Menschen, zeigt: Je enger ein Kontakt, desto unwahrscheinlicher führt er zu einem Job. Der Zusammenhang ist eine Kurve, keine Gerade. Mittelschwache Verbindungen schlagen enge Freunde ebenso wie Fremde, der Wendepunkt liegt bei rund zehn gemeinsamen Kontakten. In DACH bringen persönliches Netzwerk und Empfehlungen zusammen mehr Projekte als Social Media, und 55 % nennen neue Aufträge als das, was ihr Netzwerk vor allem liefert. Frag die Richtigen, und frag früh.

Die meisten Netzwerk-Ratschläge sagen: Pflege deine engsten beruflichen Beziehungen. Die beste verfügbare Evidenz sagt, dass genau diese Kontakte dir am seltensten Arbeit bringen.

Das Experiment

2022 veröffentlichten Karthik Rajkumar, Guillaume Saint-Jacques, Iavor Bojinov, Erik Brynjolfsson und Sinan Aral in Science einen kausalen Test der Stärke schwacher Verbindungen. Keine Umfrage: LinkedIn hat zwischen 2015 und 2019 mehrere Experimente mit seinem Algorithmus „People You May Know" gefahren, über rund 20 Millionen Nutzende, etwa 2 Milliarden neue Verbindungen, mehr als 70 Millionen Bewerbungen und 600.000 angenommene Jobs. Dieses Design erlaubt eine Aussage, die in den Sozialwissenschaften selten ist: nicht, dass schwache Verbindungen mit Jobwechseln zusammenhängen, sondern dass sie sie verursachen.

Der Kernbefund, in der Zusammenfassung des MIT: „The stronger the newly added ties were, the less likely they were to lead to a job transmission." Je stärker die neue Verbindung, desto seltener führt sie zu einem Job.

Was in fast jeder Nacherzählung fehlt, ist die Form der Kurve. Es ist ein umgekehrtes U. Am nützlichsten sind nicht die schwächsten Kontakte, sondern, in Arals Worten, „not the weakest, but slightly stronger than the weakest". Der Wendepunkt liegt bei etwa zehn gemeinsamen Kontakten. Darunter hilft mehr Überschneidung. Darüber kennt die andere Person dieselben Leute und dieselben Projekte wie du, und der Wert sinkt.

Ein Vorbehalt gehört dazu: Der Effekt war in digitalen, softwarenahen und remote-tauglichen Branchen am stärksten und in traditionellen Branchen schwächer. Für Entwicklerinnen, Designer und Beraterinnen ist das die eigene Kurve. Im regionalen Handwerk eher ein Hinweis als ein Gesetz.

Zwei ehrliche Grenzen. Die Studie ist von 2022, eine größere Replikation haben wir nicht gefunden. Und für Empfehlungen im Freelance-Geschäft gibt es keine veröffentlichte Conversion-Rate. Wer dir „Empfehlungen schließen viermal so oft ab" verkauft, hat die Zahl aus dem allgemeinen B2B-Vertrieb geliehen, nicht an Freelance-Projekten gemessen.

Was das in einer DACH-Pipeline bedeutet

Erst die Zahlen, jede mit ihrem Jahr. Der Freelancer-Kompass 2025, zusammengefasst bei informatik-aktuell, verteilt die Akquise so: 34 % über Projektplattformen und -börsen, 23 % über persönliche Netzwerke, 14 % über Empfehlungen in Folgeprojekte, 7 % über Social Media. Netzwerk plus Empfehlungen ergibt 37 %, mehr als die Plattformen und das Fünffache von Social Media.

Der Freelancer-Kompass 2026 mit 5.412 Befragten zwischen dem 17. November 2025 und dem 8. Februar 2026 wiederholt diese Kanaltabelle nicht, deshalb mischen wir die Jahre auch nicht. Was er sagt: Die Auftragsakquise ist mit 62 % die meistgenannte Herausforderung. Und 55 % sehen den größten Mehrwert ihres Netzwerks in neuen Aufträgen und Kunden.

Plattformen bleiben der größte Einzelkanal, und wir haben aufgeschrieben, warum. Dieser Text ist das Gegengewicht dazu, kein Widerspruch.

Warum zuerst das Netzwerk gefragt wird

Dirk Franzke ist seit über zehn Jahren auf der Vermittlerseite dieses Markts unterwegs und hat Expert Brokers mitgegründet. Er verkauft also in den Kanal, den er beschreibt. Lies ihn als Praktiker mit Eigeninteresse, und schau dann auf das, was er schildert, denn es erklärt die Umfragezahlen besser als die Umfrage selbst. Eine Projektanfrage durchläuft im Kopf des Entscheiders drei Stufen.

„Ich hinterfrage mich als Entscheider: Habe ich schon mal jemanden gehabt, mit dem ich zusammengearbeitet habe? Und wenn ich das nicht habe, gehe ich an mein Netzwerk und frage: Hast du jemanden, der Problem XYZ lösen kann? Wenn diese Hebel nicht greifen, erst dann gehe ich auf den Provider meines Vertrauens zu." (Dirk Franzke)

Stufe eins ist Erinnerung. Stufe zwei ist die Erinnerung von jemand anderem. Plattform oder Vermittler sind Stufe drei, und deshalb sehen sie in der Statistik so groß aus: Sie fangen alles auf, was die ersten beiden Stufen nicht gefunden haben. In Stufe zwei zu stehen, also die Antwort auf „Kennst du da jemanden?" zu sein, ist genau das, was eine Empfehlung ist.

Sein Rat, wie man dorthin kommt, klingt unspektakulär und ist sehr konkret.

„Setzt ein CRM auf, systematisiert einmal euer eigenes Netzwerk. Schaut, mit wem ihr früher zusammengearbeitet habt, wen ihr noch kennt, mit wem ihr Tennis spielen geht, welche Freunde ihr habt, welche Nachbarn ihr habt." (Dirk Franzke)

Tennispartner und Nachbarn sind genau die mittelschwachen Verbindungen, auf die die LinkedIn-Daten zeigen. Sie kennen dich gut genug, um für dich einzustehen, und bewegen sich in Kreisen, in denen du nicht bist. Mehr ist der Mechanismus nicht.

Der Fehler beim Timing

Beide Stimmen beschreiben denselben Fehler, von zwei Seiten.

Franzkes Version ist die Mail, die jeder schon verschickt hat.

„Die meisten schicken zwei Wochen, bevor das Projekt endet, irgendeine wilde E-Mail an alle rum, nach dem Motto: Bin übrigens ab übermorgen wieder verfügbar, falls du ein Projekt für mich hast." (Dirk Franzke)

Manchmal klappt das. Meistens landet sie, während beim Empfänger gerade nichts offen ist, und du hast deine eine Bitte im schlechtesten Moment ausgegeben. Sein Bild für die Alternative ist eine Pumpe: „Am Ende ist das wie eine Pipeline, pumpen, pumpen, pumpen, bis das Öl rauskommt." Das Netzwerk läuft, während du abrechnest, nicht, wenn du nichts abrechnest.

Stefania Volpe, damals Projektmanagerin bei freelancermap, sagt dasselbe im Freelance-Sucks-Podcast in Umfragesprache.

„Die häufigste Klage, die ich von Freelancern höre, ist Projektakquise, Kundengewinnung. Wir fragen das seit sieben Jahren in unseren Freelancer-Umfragen ab, und die Top-Antwort ist Projektakquise." (Stefania Volpe)

„Viele Freelancer unterschätzen die Zeit und den Aufwand, die es braucht, um neue Projekte und Kunden zu gewinnen. Natürlich arbeitest du in dieser Zeit, aber du rechnest sie nicht ab." (Stefania Volpe)

Ihre Regel für den Startzeitpunkt ist eindeutig: Wenn du weißt, dass ein Projekt endet, solltest du „vielleicht ein paar Monate vorher anfangen, nach der nächsten Gelegenheit zu suchen". Zwei Monate, nicht zwei Wochen.

Die Anfrage, die funktioniert

Eine Empfehlungsanfrage scheitert, wenn sie dem anderen das Denken überlässt. „Sag Bescheid, wenn du was hörst" ist nicht beantwortbar. Mach die Bitte klein, konkret und weiterleitbar.

Betreff: Kleine Bitte, keine Eile

Hallo [Name],

wir haben [Jahr] zusammen an [Projekt] gearbeitet. Ab [Monat] habe ich wieder Kapazität und suche [ein Satz: genau diese Art Arbeit, genau diese Art Unternehmen].

Falls jemand in deinem Umfeld genau dieses Problem hat: Leite die Mail gern weiter. Falls nicht, brauchst du gar nicht zu antworten.

[Eine Zeile Beleg: das Ergebnis eines vergleichbaren Projekts, mit Zahl.]

Danke dir so oder so [Name]

Vier Dinge macht sie mit Absicht. Sie benennt die Verbindung zwischen euch. Sie beschreibt das Ziel so eng, dass der andere in fünf Sekunden jemanden vor Augen hat oder eben nicht. Sie liefert etwas zum Weiterleiten statt etwas zum Zusammenfassen. Und sie nimmt die Antwortpflicht raus, was der Grund ist, warum Leute antworten.

Schick sie an die mittelschwachen Verbindungen: die Kollegin von übernächstem Projekt, die Person von der Konferenz, den Ansprechpartner, der inzwischen die Firma gewechselt hat. Nicht an die drei Menschen, mit denen du wöchentlich sprichst und die alles wissen, was du weißt. Das ist die praktische Übersetzung der Studie, und deshalb zahlt sich Netzwerken dort, wo man dich noch nicht kennt, stärker aus als der nächste Post an dasselbe Publikum. Wenn LinkedIn bisher dein einziger Kanal war, lohnt sich unsere unbequeme Gegenthese.

Was du am Montag tust

  1. Schreib zwanzig mittelschwache Kontakte auf. Ehemalige Kolleginnen, frühere Ansprechpartner, Bekanntschaften von Konferenzen. Den inneren Kreis lässt du weg. Habt ihr weniger als etwa zehn gemeinsame Kontakte, gehört die Person auf die Liste.
  2. Formuliere den einen Satz. Was du machst, für wen, gegen welches Problem. Wenn er nicht in eine Zeile passt, kann ihn niemand weiterleiten.
  3. Verschick diese Woche fünf Anfragen. Nicht zwanzig. Fünf, persönlich, mit ausgefüllter Belegzeile.
  4. Bring dein Netzwerk in ein System. Eine Tabelle reicht: Name, letzter Kontakt, was die Person macht, eine Zeile Kontext. Franzkes CRM-Punkt braucht keine Software.
  5. Trag den festen Termin ein. Zwei Stunden jeden zweiten Freitag, während du noch abrechnest. Das ist die Pumpe.

Wenn dein Kalender sagt, dass das nächste Projekt in drei Wochen anfängt, und die Anfrage noch nicht raus ist, deckt ein kostenloses Profil bei 9am die dritte Stufe ab, während dein Netzwerk an den ersten beiden arbeitet.

Zitate von Stefania Volpe aus dem Englischen übersetzt.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel greift die Session von Dirk Franzke bei Freelance Unlocked 2026 sowie die Freelance-Sucks-Podcastfolge mit Stefania Volpe auf. Video und Folge findest du oben: freelanceunlocked.com.

Yurii Lazaruk

Community Builder & Podcast-Host

Yurii hat die 9am-Community aufgebaut und die Podcasts Freelance Thrive und Freelance Sucks moderiert, mit hunderten Gesprächen darüber, wie sich Freelancing wirklich anfühlt.

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