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Nebenerwerbs-Republik: 690.000 Gründungen, und nur 8 Prozent wechseln je in den Vollerwerb

690.000 Gründungen 2025, 483.000 neben dem Job, nur 8 % wechseln je in den Vollerwerb. So führst du ein Nebengeschäft, das eins bleibt.

Blago Yanakiev
Blago Yanakiev

Sep 05, 2026

Einstieg ins Freelancing Studie Steuern Recht
Kurz gesagt

690.000 Menschen haben sich 2025 in Deutschland selbstständig gemacht, 483.000 davon neben dem Job. Nur rund 8 % dieser Nebenerwerbsgründungen wechseln je in den Vollerwerb, geplant hatten es 23 %. Für die meisten ist der Nebenerwerb also das Ziel, kein Zwischenschritt. Behandle ihn deshalb von Anfang an entsprechend: Das Finanzamt zählt ab dem ersten Euro, also richte getrennte Konten für Geschäft und Steuerrücklage ein, rechne die Kleinunternehmergrenzen von 25.000 € und 100.000 € sauber durch, und pass auf, wenn du von einem einzigen Auftraggeber abhängst, das ist das größte Warnsignal für eine Scheinselbstständigkeits-Prüfung.

690.000 Menschen haben sich 2025 in Deutschland selbstständig gemacht, nach 585.000 im Jahr davor. 483.000 davon neben dem Job. Und jetzt die Zahl, die im KfW-Gründungsmonitor 2026 fast untergeht: Im langjährigen Mittel wechseln nur rund 8 % dieser Nebenerwerbsgründungen ein Jahr später in den Vollerwerb. Geplant hatten es 23 %.

Der Nebenerwerb ist also kein Anlauf. Für die meisten ist er das Ziel. Das ist keine schlechte Nachricht, aber es ändert alles daran, was du in den ersten zwei Jahren aufbauen solltest.

Was 2025 wirklich passiert ist

Die Gründungszahlen sind um 18 % gestiegen, und der Zuwachs kommt praktisch komplett aus dem Nebenerwerb: 483.000 gegenüber 206.000 im Vollerwerb, der das dritte Jahr in Folge stagniert. 70 % aller Gründungen laufen damit nebenbei, so viele wie noch nie.

Der Rest des Profils passt dazu. 86 % gründen allein, Teamgründungen sind mit 14 % auf dem niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren. 44 % haben digitale Angebote. 70 % der Gründenden waren vorher abhängig beschäftigt, und sechs von zehn Nebenerwerbsgründungen starten hybrid, also mit laufendem Arbeitsvertrag. Im Schnitt stecken diese Leute 16 Stunden pro Woche in ihr eigenes Ding.

Beim Motiv hat sich etwas verschoben, das man ernst nehmen sollte: "ein höheres oder zusätzliches Einkommen zu generieren" nennen inzwischen 40 % als Grund, vorher waren es 32 %. Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung werden seltener genannt. Es geht ums Geld, und der naheliegende Grund ist, dass ein Gehalt allein für viele nicht mehr reicht.

Bei den Frauen zeigt sich der Bruch am deutlichsten. Ihr Anteil an allen Gründungen liegt bei 35 %, im Vollerwerb aber nur bei 27 %, nach 33 % im Vorjahr. Der Weg neben dem Job bleibt offen, der Sprung wird enger.

Ein Kontext, den man selten danebenstellt: Laut Statistischem Bundesamt waren 2025 nur 3,5 % aller Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren solo-selbstständig, mit langfristig sinkendem Trend. Rekordviele gründen, und trotzdem schrumpft die Gruppe derer, die davon leben. Genau in dieser Lücke sitzt der Nebenerwerb.

Die Brücke, über die kaum jemand geht

23 % planen den Wechsel in den Vollerwerb, 8 % machen ihn. Dazu kommt die zweite unbequeme Zahl: Gut vier von zehn Menschen, die ein Gründungsvorhaben verfolgen, brechen es wieder ab.

Woran das liegt, hat Hannah Trute, Juristin und Mitgründerin von Gründer Studios, auf der Freelance Unlocked 2026 nicht behauptet, sondern das Publikum gefragt. Auf die Frage nach den Worst-Case-Szenarien kamen aus dem Saal: obdachlos werden, Miete nicht zahlen können, wieder zu den Eltern ziehen, Burnout, komplett pleite. Auf die Frage nach den Symptomen in Stressphasen: Schlafstörungen, Konzentrationsverlust, Panikattacken, Haarausfall.

Trutes Punkt dabei ist kein therapeutischer, sondern ein sehr praktischer. Unser Gehirn bevorzugt Situationen, die es prognostizieren kann, und behandelt jede Neuigkeit erst mal als Risiko. In der Selbstständigkeit ist fast alles neu. Deshalb kommen in ihrer Gründungsakademie Sätze wie "Kann ich dafür ins Gefängnis gehen?" oder Insolvenzgedanken an Tag 1, an dem noch gar nichts gegründet ist.

Eine Gründerin aus dem Publikum hat beschrieben, was daraus wird:

"Ich kann nur sagen, dass ich die längste Zeit so Angst vor diesem finalen Schritt hatte, dass er sich bei mir am Ende vier Jahre lang hingezogen hat. Und diese vier Jahre waren so voll mit tollen Ideen, die ich eigentlich jetzt schon längst hätte umsetzen können, wenn ich mich einfach mal getraut hätte, den Schritt ein bisschen eher zu wagen." (Gründerin aus dem Publikum, Session Hannah Trute)

Vier Jahre Warten auf einen Zeitpunkt, der nie kam. Das ist die 40-Prozent-Zahl in einem Satz.

Judith Böhlert, freiberufliche Softwareentwicklerin, hat dieselbe Mechanik von der anderen Seite beschrieben. Sie hat ihren Vortrag über Impostor-Syndrom und Prokrastination monatelang vor sich hergeschoben und dabei gemerkt, worauf sie eigentlich gewartet hat:

"Mir war klar geworden, dass ich auf den perfekten Moment zum Anfangen gewartet hatte: einen ungestörten Block von mindestens sechs Stunden an einem Tag, an dem ich energiegeladen und ausgeruht bin. Ehrlich gesagt wäre dieser Tag nie gekommen." (Judith Böhlert, aus dem Englischen)

Wer 16 Stunden pro Woche hat, hat diesen Block nie. Genau deshalb funktioniert im Nebenerwerb nur die kleinste mögliche nächste Handlung, nicht der große Anlauf am Wochenende. Böhlert nennt noch eine zweite Falle, die im Nebenerwerb teurer ist als in Vollzeit: Es ist leicht, den ganzen Tag beschäftigt auszusehen, ohne produktiv zu sein. Effizient an Aufgaben zu arbeiten, die nichts bewegen, kostet dich bei 16 Stunden pro Woche prozentual viel mehr als bei 50.

Nebenbei heißt nicht nebensächlich, jedenfalls nicht für das Finanzamt

Der teuerste Denkfehler im Nebenerwerb ist die Annahme, kleine Umsätze seien ein Hobby mit Rechnung. Das Finanzamt sieht das anders, und zwar ab dem ersten Euro.

Bürokratie ist im KfW-Monitor das meistgenannte Hemmnis: 64 % nennen sie, im Schnitt gehen 5,1 Stunden pro Woche für regulatorische Pflichten drauf. Bei 16 Stunden Nebenerwerb wäre das fast ein Drittel der verfügbaren Zeit. Genau deshalb lohnt sich der unangenehme Teil früh. Trute hat es auf der Bühne so formuliert:

"Gerade zum Thema Steuern und alles, was so bürokratische Prozesse sind, lohnt es sich auf jeden Fall am Anfang einmal in den sauren Apfel zu beißen." (Hannah Trute)

Ihr Argument dahinter: Steuern seien wie alle stark regulierten Dinge. Wenn man sie einmal verstanden hat, kann nicht mehr viel passieren, sie werden besser prognostizierbar, und damit verschwindet auch ein Stück Ungewissheit.

Vier Dinge, die im Nebenerwerb regelmäßig schiefgehen:

Die Kleinunternehmerregelung wird für ein Steuersparmodell gehalten. Ist sie nicht. § 19 UStG setzt zwei Grenzen: höchstens 25.000 € Gesamtumsatz im Vorjahr und höchstens 100.000 € im laufenden Jahr. Reißt du die 100.000 € unterjährig, ist die Regelung ab diesem Zeitpunkt weg, mitten im Jahr. Und der Preis für die Bequemlichkeit ist die Vorsteuer: Wer als Kleinunternehmer ein Gerät für 2.500 € plus 19 % kauft, verliert die 475 € Umsatzsteuer endgültig. Lars Siegert, Gründer von German Business Buddy, weist in seiner Session noch auf den Nebeneffekt hin, den niemand einplant: Der Hinweis auf der Rechnung sagt jedem Kunden, dass du klein bist.

Alles läuft über ein Konto. Siegerts Formel ist 1 plus 2: ein privates Konto, ein Geschäftskonto für den laufenden Betrieb, ein zweites Geschäftskonto als Steuerrücklage. Die vereinnahmte Umsatzsteuer wandert sofort dorthin, dazu ein Anteil für die Einkommensteuer. Wer nebenbei gründet, hat den Vorteil, dass das Gehalt weiterläuft. Der Haken daran: Der Gewinn aus der Selbstständigkeit kommt oben auf das Gehalt drauf und wird mit deinem persönlichen Steuersatz belastet. Die Rechnung kommt später und höher, als die meisten schätzen.

Belege werden gesammelt, aber nicht zugeordnet. Siegerts goldene Regel: keine Buchung ohne Beleg. Ein Inbox-Ordner, eine feste Namenskonvention mit Datum und Gegenpartei, ein fixer Termin im Monat, an dem der Kontoauszug gegen die Belege läuft. Zehn Jahre Aufbewahrungspflicht sind kein Argument für ein Schuhkarton-System.

Angst vor dem ersten Fehler. Der Punkt, an dem Siegert seine ganze Session aufhängt: Fehler sind reparabel. Der schlimmste Fall in seiner eigenen Geschichte war ein Verspätungszuschlag und ein Jahr, in dem das Timing der Umsatzsteuer falsch war. Solange du meldest und kommunizierst, sind die Finanzämter mit Solo-Selbstständigen erstaunlich umgänglich.

Wenn du bei null anfängst und dir jemand das ganze System einmal von vorne erklären soll: Unser Leitfaden zu Steuern und Buchhaltung als Freelancer baut genau diese fünf Bausteine auf.

Das Risiko, das nur Hybride haben

Jetzt der Teil, den fast keine Gründungsberatung anspricht, weil er unangenehm ist.

Die typische Nebenerwerbsgründung 2025 sieht so aus: eine Person, kein Team, digitale Leistung, 16 Stunden pro Woche, laufender Arbeitsvertrag daneben. Und in sehr vielen Fällen genau ein Auftraggeber, weil mehr neben dem Job nicht zu schaffen ist. Oft ist dieser eine Auftraggeber der eigene Arbeitgeber, ein früherer Arbeitgeber oder ein Unternehmen aus demselben Netzwerk.

Das ist das Profil, das in einer Betriebsprüfung sofort auffällt. Rechtlich entscheidend sind Weisungsgebundenheit und Eingliederung in eine fremde Arbeitsorganisation. In der Prüfpraxis kommt ein drittes Signal dazu, das kein eigenes Kriterium ist, aber jede Akte einleitet: die Abhängigkeit von genau einem Auftraggeber. Ein Nebenerwerb mit einem einzigen Kunden bringt dieses Signal von Haus aus mit. Wenn dieser Kunde dir auch noch Zugänge, Tools und feste Zeiten stellt, sind alle drei Punkte beisammen.

Die gute Nachricht: Du kannst das prüfen lassen, bevor es jemand anders tut. Zuständig ist die Clearingstelle bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, das Verfahren ist kostenlos und läuft schriftlich. Wichtig ist die Frist: Wird das Statusfeststellungsverfahren innerhalb eines Monats nach Aufnahme der Tätigkeit eingeleitet, beginnt die Versicherungspflicht im Fall einer Beschäftigung erst mit der Bekanntgabe der Entscheidung, nicht rückwirkend.

Für die schnelle Selbsteinschätzung vorher gibt es den kostenlosen Scheinselbstständigkeits-Test von 9am. Er stellt dieselben Fragen wie eine Prüfung und dauert ein paar Minuten. Wer nebenbei gründet und die Selbstständigkeit langfristig behalten will, sollte ihn einmal im Jahr machen, spätestens wenn ein Kunde mehr als die Hälfte des Nebenumsatzes bringt. Ein Satz zur Altersvorsorge noch: Die geplante Vorsorgepflicht für Selbstständige würde neue Selbstständige treffen, weshalb der Gründungszeitpunkt plötzlich relevant wird. Was da vorbereitet wird, steht in unserem Beitrag zur Altersvorsorgepflicht für Selbstständige.

Ein Blick nach Österreich, weil er die These bestätigt

Österreich zählt seine Solo-Selbstständigen genauer als Deutschland, und die Zahlen erzählen dieselbe Geschichte. Im EPU-Monitoringbericht der WKO sind es 376.112 Ein-Personen-Unternehmen, 62,1 % aller aktiven Mitglieder, ein Plus von 3,9 % gegenüber dem Vorjahr. 26 % führen ihr Unternehmen im Nebenerwerb. 19 % sind Silverpreneure, also selbstständig neben oder nach der Pension, gegenüber 6 % im Jahr 2016.

Und der Satz, der die "nebenbei heißt klein"-Annahme endgültig erledigt: Ein Viertel dieser Ein-Personen-Unternehmen macht mehr als 100.000 € Umsatz im Jahr.

Was du am Montag machen kannst

  1. Entscheide bewusst, ob du zu den 8 % oder zu den 92 % gehörst. Beides ist eine gültige Antwort. Aber ein Nebenerwerb, der dauerhaft nebenbei bleibt, braucht andere Preise, andere Kunden und andere Arbeitszeiten als eine Rampe in den Vollerwerb.
  2. Setz das 1-plus-2-Konto-Modell auf. Ein Geschäftskonto, ein Rücklagenkonto, und die Umsatzsteuer wandert am Tag des Zahlungseingangs dorthin. Das ist eine Stunde Arbeit und verhindert die häufigste Liquiditätskrise im zweiten Jahr.
  3. Rechne die Kleinunternehmerregelung durch, statt sie anzunehmen. 25.000 € Vorjahr, 100.000 € laufendes Jahr, geplante Anschaffungen, B2B oder B2C. Bei Geschäftskunden ist der Regelfall meistens günstiger.
  4. Zähl deine Auftraggeber. Einer ist ein Risiko, zwei sind eine Absicherung. Wenn du bei einem stehst, ist der zweite das wichtigste Projekt der nächsten drei Monate, wichtiger als jede Website-Überarbeitung.
  5. Nimm dir 20 Minuten für den Status-Check. Der Scheinselbstständigkeits-Test zeigt dir, welche Teile deines Setups auffallen würden. Was dabei rot ist, reparierst du im nächsten Vertrag, nicht in der Prüfung.

Wenn dir dabei auffällt, dass Kunde Nummer zwei fehlt: Genau daran hängt bei 57 % der Gründenden der Fortschritt, die Kundengewinnung nennen als größte Schwierigkeit. Wie ein Vertrieb aussieht, der neben einem Job noch funktioniert, steht in unserem Beitrag zum ersten Jahr als Freelancer und in der Forschung zum hybriden Freelancing.

Und wenn du den zweiten Kunden nicht in deinem alten Arbeitsumfeld suchen willst, was aus Statusgründen die klügere Variante ist: Leg dir ein kostenloses Profil bei 9am an und lass Unternehmen aus dem DACH-Raum auf das matchen, was du wirklich machst. Auch in Teilzeit.

Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung.

Freelance Unlocked wird von 9am gemeinsam mit Uplink und freelancermap organisiert. Dieser Artikel greift die Sessions von Hannah Trute und Judith Böhlert bei Freelance Unlocked 2026 auf. Die ganzen Vorträge findest du oben in den Videos: freelanceunlocked.com.

Blago Yanakiev

Co-founder & CPO

Blago ist Produktmensch und SaaS-Gründer. Bei 9am verantwortet er das Produkt, bei der Freelance-Unlocked-Konferenz Events und Growth.

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